Dresden ( ddp ). In Wolfgang Schallers Büro im Dresdner Kabarett-Theater " Die Herkuleskeule " sieht es ein bisschen so aus, als wäre die Zeit stehengeblieben. An die alte Holzwand sind zahlreiche Programm-Plakate gepinnt. Für Intendant Wolfgang Schaller ist viel Zeit vergangen, seit er angefangen hat, in der " Herkuleskeule " zu arbeiten.

Aus einer ursprünglich zeitlich befristeten Dramaturgen-Vertretungsstelle sind schließlich vier Jahrzehnte geworden, in denen er das Ensemble mit prägte. Neben seinem beruflichen Jubiläum steht demnächst auch ein privates an.

Am 20. April feiert Schaller seinen 70. Geburtstag. Er denkt keineswegs darüber nach, mit dem Kabarett aufzuhören – solange Kraft und Gesundheit noch für gute Produktionen reichen. Da auch seine Frau Birgit als Kabarettistin auf der Bühne steht, lassen sich Hobby und Beruf in seiner Familie " nie richtig trennen ". Er könne nicht abschalten, selbst im Urlaub nicht, sagt Schaller. Manchmal drehe es sich bis in die Nachtstunden hinein nur um die Arbeit.

Zu DDR-Zeiten hat er auch fürs Fernsehen gearbeitet, in den 80 er Jahren entstand sein Film " Generalprobe ". Aber " kritische Geister " hatten es im DDR-Fernsehen nicht leicht, wie Schaller sagt. In der " Herkuleskeule " war dies aus seiner Sicht immer anders. In den vergangenen Jahren hat er das Ensemble sichtbar verjüngt, so dass er sich um die Zukunft der " Herkuleskeule " keine Sorgen machen muss.

Schaller kam 1970 ins Ensemble, insbesondere seine mit Peter Ensikat geschriebenen Stücke machten die " Herkuleskeule " bekannt. Rückblickend sagt Schaller, " dass wir damals in den 80 er Jahren mit unseren Stücken tiefer in den Wunden des Staates bohrten, als wir das heute tun ". Zusammen mit Ensikat wurde Schaller 2009 dafür auch mit dem " Stern der Satire " auf dem Mainzer " Walk of Fame " des deutschen Kabaretts ausgezeichnet. Er habe den Stil des sich " zum mutigsten und modernsten Kabarett der DDR entwickelnden Ensembles " geprägt, hieß es zur Begründung.

Dass das " brisanteste Kabarett der DDR " in Dresden gespielt wurde, war kein Zufall, ist Schaller überzeugt. Es habe Funktionäre gegeben, die sich damals schützend vor das Kabarett stellten. Das sei nur in Dresden so gewesen.

Zum Kabarett fand der 1940 in Breslau geborene Schaller schon als Jugendlicher. Schließlich war es für ihn auch " eine Möglichkeit, kritische Texte auf die Bühne zu bringen und zu provozieren ". Aus der heutigen Sicht sagt der 69-Jährige : " Das Kabarett hat mir einen Psychiater erspart, weil ich mir das, was mir an diesem vormundschaftlichen Staat zuwider war, von der Seele schreiben konnte. "

Zunächst arbeitete Schaller als Lehrer für Deutsch und Musik in Görlitz und leitete ein Jugendkabarett. Von 1964 bis 1968 studierte er am Literaturinstitut in Leipzig. Seit 1970 arbeitete er dann als Dramaturg, Autor und kommissarischer Leiter des Kabaretts. 1987 wurde er künstlerischer Leiter der " Herkuleskeule ", 1997 Intendant.

Geändert hat sich in 40 Jahren viel, nur eines ist geblieben : " Ich habe immer die Zensur im Kopf. " Zu DDR-Zeiten sei es die Frage gewesen, wie er seine " auf Papier formulierte Wut " auf die Bühne bringen konnte, ohne verboten zu werden. Heute sei es eine ökonomische Zensur, sagt er : Finanziell überleben könne das Ensemble nur mit ausverkauften Vorstellungen. Schaller sagt : " Wenn wir eines Tages nur noch Stücke machen können unter dem Diktat der Ökonomie, dann möchte ich hier nicht mehr arbeiten. "