Magdeburg. Zu den eindrucksvollsten musikalischen Schöpfungen in nahezu der ganzen Musikgeschichte gehören Werke über die Passion Christi. Kaum ein Komponist hat sich diesem Genre nicht gewidmet. Domkantor Barry Jordan hat für die Passionsmusik des Magdeburger Domchores drei Werke aus drei verschiedenen Epochen ausgewählt. Zu Beginn erklang das Tenebrae factae sunt ( Es ward eine Finsternis ), ein Teil aus der Karfreitagsliturgie des Carlo Gesualdo, Principe di Venosa, von 1611.

Das düstere Werk beschreibt dieTodesstundeChristi. Gesualdos Leben umranken Eifersuchtsmorde und persönliche Tragödien, und in seiner Musik verbindet sich äußerst kunstvoll der Ausdruck erotischer Leidenschaft mit düsterster Todessehnsucht. Das findet sich auch in dieser Passionsmusik. Die Sänger aus dem Motettenchor des Domchores verstanden es, die Emotionalität des sich in Wechselgesängen und spannenden Verdichtungen ausgedrückten Momentes, des Todes Christi am Kreuz, eindrucksvoll darzustellen.

Die gesamte Passionsgeschichte nach dem Evangelium des Matthäus komponierte fast 350 Jahre später der Hamburger Hindemith-Schüler Hans Friedrich Micheelsen. Anders als in den bekannten barocken Passionsoratorien verzichtet Micheelsen auf alle über den Bibeltext hinausgehenden Reflektionen. Den Evangelienbericht in seiner Dramatik singt durchgehend der Chor, und allein die wechselnden Stimmen und chorischen Ausdrucksformen verdeutlichen die Gestalten etwa den Verrat Judas, die Hohepriester, das Gericht des Pontius Pilatus, das " Kreuziget !" der aufgebrachten Volksmasse und natürlich die Worte Jesu. Beeindruckend die Klarheit dieser Passion, die bei ausgezeichneter Textverständlichkeit und sehr gut differenzierter Gesangskultur des Chores auf ganz andere Weise, aber nicht weniger eindringlich, emotional ebenso anrührte wie die alte Komposition.

Zum Abschluss erklang ein außerordentlich berühmtes Werk, das Miserere von Gregorio Allegri, welches um 1630 entstand und alljährlich in der Karwoche ausschließlich in der Sixtinischen Kapelle erklang. Es durfte nicht kopiert werden, und erst Mozart hatte es bei seiner ersten Italienreise 1770 als 14-Jähriger gehört und aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. So wurde es überhaupt der Nachwelt überliefert.

Die Abschrift Mozarts und auch die Urschrift, die heute im Vatikan zugänglich ist, wurden vor allem im 19. Jahrhundert immer wieder bearbeitet, und dies prägt auch den Charakter des Werkes. Verteilt auf neun Stimmen entsteht ein außerordentlich bewegter und klanglich hinreißender Gesang, der sofort einsehbar machte, dass dieses Werk einst vom Vatikan so eifersüchtig behütet wurde. Der Magdeburger Domchor hat mit allen drei Werken eine sehr eindringliche Passionsmusik gestaltet.