Orchesterstückprobe von Leonard Bernsteins " West Side Story " in Magdeburgs Opernhaus : Graue Tücher decken die Stuhlreihen ab. Fahles Arbeitslicht beleuchtet die Bühne. Sie präsentiert sich aber bereits original. Im Zuschauerraum verteilt sitzen vereinzelt Personen.

Magdeburg. Auf der Szene wuseln Darsteller. Zwei gehen die Phasen einer Kampfszene durch, einige Tänzer üben Hebungen. Das Orchester und Dirigent Johannes Stert machen gemeinsam mit den Verantwortlichen vom Ton Soundcheck. Dann beginnt die Probe.

" Magdeburg ist spätestens seit " Titanic " eine Art Mekka des Musicals in Deutschland. Man möchte dabei sein, wenn hier zum Musical gerufen wird ", behaupten die Regisseure Andreas Gergen und Christian Struppeck unisono. Sie müssen es wissen, denn sie gelten selbst als Stars der Szene und kennen nicht nur die Musicalwelt, sondern durch ihre Arbeit " Jekyll & Hyde " auch das hiesige Theater.

Beim Casting für Leonard Bernsteins Publikumserfolg gab es jedenfalls keinen Mangel an hochqualifizierten Bewerbern. Jochen Schmidtke und Serkan Kaya etwa, Darsteller der Anführer der beiden verfeindeten Jugendbanden " Jets " und " Sharks ", weisen ein Rollenrepertoire auf, das keinen Zweifel aufkommen lässt, welcher Liga sie angehören.

Carsten Lepper, der Tony der neuen Magdeburger Inszenierung, zählt ebenfalls zur Crème de la Crème. Er spielte vieles von dem, was gut und teuer ist, zum Beispiel Luigi Lucheni in der deutschen Erstaufführung von " Elisabeth " in Essen, Thomas Andrews in " Titanic ", Raoul de Chagny in " Phantom der Oper "; gegenwärtig Fernand Mondego in der Uraufführung von " Der Graf von Monte Christo " in St. Gallen. Und nun : " Endlich Tony. Tony ist meine Traumpartie. Es ist toll, ihn zu singen. Und mal der Liebhaber, der Held zu sein !", schwärmt Lepper. " Mit Evmorfia Metaxaki vom hiesigen Opernensemble als Maria habe ich außerdem eine fabelhafte Partnerin. Für mich ist ‚ West Side Story ‘ aber aucheinwunderbaresEnsemblestück. Es funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen, ob Ballett-Compagnie, Schauspieler oder Sänger. "

Das sehen die Regisseure Gergen und Struppeck ebenso : " West Side Story " lebe vor allem von den gegnerischen Gangs " Jets " und " Sharks ". Jeder dieser Jugendlichen habe einen Namen und einen ganz individuellen Charakter. " Wir haben Tänzer und Schauspieler des Hauses gecastet, um die jeweils beste Besetzung finden. Da müssen, neben der Fähigkeit zu singen und zu tanzen, auch der Typ und das Alter passen ", erzählen sie. Beide zeigen sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

" Wir sind alle

fasziniert von den starken Emotionen "

Heute proben Musiker und Sänger erstmals gemeinsam. Die Atmosphäre ist locker, aber konzentriert. Clemens von Witte, Leiter der Tontechnik, läuft von der Bühne in den Zuschauerraum und wieder zurück. Per Funk gibt er, ohne die Probe zu stören, seinen Kollegen am Mischpult Anweisungen.

Mal unterbricht einer der Regisseure, mal der Dirigent. Auch die Darsteller melden sich zu Wort. Es geht um die Abstimmung mit dem Orchester und der Tontechnik. Die " Jets " und die " Sharks " hetzen über die Szene, jagen einander, kämpfen. Und alles ist zugleich Tanz, den die Musik forciert. Schon ist zu ahnen, wie mitreißend die Aufführung sein wird.

Das Regieduo Gergen / Struppeck will weder Verklärung der Uraufführung noch platte Modernisierung. " Wir sehen Parallelen zu heutiger Jugendgewalt und -kriminalität, dennoch, die Musik stammt aus den 50 er Jahren. " Und dann kommen sie ins Lobpreisen : " Die Musik ist ihrer Zeit weit voraus. Was dieser Bernstein sich getraut hat. Wir alle sind immer wieder fasziniert davon, insbesondere von den starken und ehrlichen Emotionen. " In der Aufführung wird ausschließlich deutsch gesprochen und gesungen. Anderes macht für die Regisseure keinen Sinn : " Unsere Aufgabe ist kein Best-of-Konzert. Wir bereiten eine Geschichte und deren Emotionen artifiziell auf. "

Die Qualität einer Inszenierung bestimmen jedoch nicht nur Darsteller, Musiker, Regisseure und Dirigent. Die Besetzungsliste verweist auf Court Watson und Regina Schill, die Bühne und Kostüme gestalten, und – ganz wichtig für ein Musical – auf Natalie Holtom als Choreografin. Dazu gesellt sich Jochen Schmidtke als Kampfchoreograf. Hier erweist sich nach Ansicht von Gergen und Struppeck das hohe Musical-Niveau des Theaters : " In jedem Bereich verfügt unsere Crew über einen Spezialisten ", sagt Gergen, und Struppeck meint : " Das ist schon höchste Qualität und an Stadttheatern nicht üblich. Der Titel ‚ Mekka des Musicals in Deutschland ‘ besteht also nicht von ungefähr. "