Dem Berliner Schlossbau-Projekt scheinen die Feinde nicht auszugehen, selbst, wenn sie als Freunde daherkommen. Anders jedenfalls sind Äußerungen des amtierenden Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Ramsauer (CSU) nicht zu deuten, der es kürzlich fertigbrachte, der Planergruppe des Berliner Schlosses einen Besuch abzustatten, nur um im Anschluss daran festzustellen: "Die Rekonstruktion der historischen Kuppel sowie der Innenhofportale des ehemaligen Eosanderhofes" könnten, falls das Geld nicht reiche, "durchaus später als das Hauptgebäude realisiert werden." Genauer: von "kommenden Generationen".

Und Enak Ferlemann, Ramsauers Staatssekretär, durfte die perfide Ministerbescheidenheit mit der feinen Technokratenformel flankieren: dass eine "gewisse Entkoppelung zur Wiedererrichtung der historischen Fassaden gegenüber dem übrigen Baukörper" machbar sei. Das konjunktivische Geschwätz des obersten Bauherrn der Republik wurde schließlich entlarvend, als er hinzufügte: Mit dem möglichen Mehr-Geld für Kuppel und Portale könne man immerhin vier Ortsumgehungen bauen. Darauf muss man erst einmal kommen.

Doch was so provinziell wie absurd klingt, macht im wiedervereinigten Deutschland durchaus Effekt. Denn damit hatte sich der Minister gleich zwei gesellschaftlichen Macht- und Einflussgruppen des Landes empfohlen, die, jede auf ihre Weise, notorische Versieglungs-Fetischisten versammeln: Die einen versiegeln die Naturlandschaften Deutschlands in Form von Autobahnen, Shopping Malls oder Monsterbrücken, denen, wie in Dresden, notfalls auch ein Weltkulturerbe-Status kein Hindernis ist.

Die anderen rücken mit derselben Brachialgewalt der deutschen Kulturlandschaft zu Leibe oder dem, was nach dem Bombenterror im Zweiten Weltkrieg davon übrig geblieben ist. In jedem neuen Fall von spätem Wundenschließen versuchen sie zu beweisen, dass eine Rekonstruktion des Zerstörten ins architektonisch Heile nichts anderes sei als eine Rückkehr ins politisch Unheile: zu nationalem Größenwahn, traditionsbelasteter Fassadenhybris oder gleich Verdrängung von Schuld. Dass nachwachsende Generationen aber – äonenweit entfernt von jenem verbrecherischen Regime und seinen Untaten – vielleicht ein elementares Menschenrecht darauf haben, nicht in konservierten Trümmern zu leben oder in hässlichen Gehäusen einer totalitären Moderne à la Le Corbusier, der, wie soeben Theodor Dalrymple in einem Aufsatz der Zeitschrift "Merkur" schrieb, für die Architektur das bedeute, "was Pol Pot für die Gesellschaftsreform war" – das kommt den Vertretern einer ideologischen Normativität des Hässlichen, die sich allesamt als Humanisten verstehen, durchaus nicht in den Sinn.

So war es kein Zufall, wenn dem bayerischen Politiker im Gewande eines deutschen Bundesministers in der "Zeit" ob seines durchaus ausdeutbaren Striptease-Vorschlags für den zu rekonstruierenden Schlosskörper mit zynischer Empathie zugejubelt wurde: "Herrlich nackt!"

Man kann spekulieren, was den Minister zu seinen peinlichen Äußerungen inspiriert hat: Vielleicht ein antipreußischer Affekt? Oder latente föderalistische Renitenz, die alte deutsche Stammeskrankheit? Möglicherweise aber auch nur das schlichte Rush-Hour-Syndrom eines bundesrepublikanischen Verkehrstechnokraten? Denn, so viel weiß man über ihn: amusisch ist der begabte Klavierspieler Ramsauer ja nicht? Oder fehlt ihm nur das symbolpolitische Gen, wie vielen westdeutschen Politikern, die zwar auf Dienstreisen nach Rom, Paris oder Moskau vor Neid erblassen, aber zu Hause nicht mehr wissen, was diesbezüglich in Berlin zu tun und zu lassen ist?!