" Muslime aller Welt ", ruft Necla Kelek am Ende ihres neues Buches, " ihr habt nichts zu verlieren außer der Scharia. " Die in der Türkei geborene und in Deutschland aufgewachsene Soziologin hat ein Plädoyer gegen starre islamische Lebens- und Religionsregeln geschrieben – sicher nicht zur Freude von Traditionalisten und Multikulti-Fans.

Berlin ( dpa ). " Himmelreise " ist der Versuch, in Buchform einen Pudding an die Wand zu nageln. Immer wieder, so schreibt Necla Kelek, werde behauptet, " den " Islam gebe es gar nicht, sondern nur verschiedene Formen und Sichtweise. Nein, sagt Kelek zu Beginn ihrer Streitund Aufklärungsschrift, den Islam gibt es : Als soziale Realität und kulturelle Institution, die das Verhalten von Menschen " definiert, einfordert und reproduziert ".

Auf 250 Seiten beschreibt die 1957 in Istanbul geborene Autorin die durchdringende Macht der Religion Mohammeds – als Glaube, in Alltag und Politik. So heißt es im Untertitel auch : " Mein Streit mit den Wächtern des Islam ". Es geht um Koran-Auslegung, Kopftücher und Moscheen, um Zwangsheirat und das Macho-Gehabe türkischer und arabischer Jungs. Aber Kelek will mehr. Der Islam müsse sich ohne Wenn und Aber dem Rechtsstaat verschreiben. Es sei von entscheidender Bedeutung für die Zukunft Europas, dass Muslime von der Idee einer säkulären und demokratischen Bürgergesellschaft überzeugt werden, in der die Freiheit attraktiver erscheine als die kollektiven Zwänge einer religiösen Weltanschauung.

Doch was haben die bärtigen Männer mit Käppis und ihre Frauen in Pluderhosen, wie sie etwa in Berlin-Neukölln oder in Köln-Ehrenfeld leben, mit dem Islam zu tun ? Wo liegt die Verbindung zwischen den Bräuchen und Verboten mit dem Glauben ? Kelek spürt im ersten Teil ihrer Reise durch die muslimische Republik der Entstehungsgeschichte des Islam nach.

Zwar gelte der Koran für gläubige Muslime als unfehlbares Wort Gottes. Doch all die Regeln, die Sexualmoral und die untergeordnete Rolle der Frau seien nicht gottgewollt, sondern vor dem Hintergrund einer feudalen Wüstengesellschaft entstanden, in der sich Mohammed im siebten Jahrhundert zum Religionsstifter hochkämpfte.

Kelek hat Volkswirtschaft und Soziologie studiert und promovierte über Islam im Alltag. Immer wieder meldet sich Kelek öffentlich zu Wort, zuletzt zu der ihrer Meinung zu schwachen Reaktion deutscher Medien zum Anschlag auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München und 2006 mit dem internationalen Corine-Preis für Sachbücher ausgezeichnet.

Angesichts neuer Forschungsarbeiten vor allem europäischer Wissenschaftler müssten Islam-Gelehrte immer wieder den Vorwurf abwehren, der Koran sei keine Offenbarungsschrift, sondern " Literatur ". Die Quellen des Buches seien dubios und selbst der ägyptische Wissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid erkennt im Koran " Gottes Menschenwort ". Indem Mohammed zum " Siegel " der Propheten erklärt wurde, also Jesus und Abraham überlegen, sei er für Menschen unerreichbar geworden, anders als im Christentum, wo Jesus eben zum sündigen Menschen wurde.

Kelek plädiert dafür, dass sich die Schriften des Islam wie die Bibel einer theologischen und historischen Interpretation nicht entziehen dürfen. Auch in der muslimischen Alltagskultur zieht die Autorin eine Verbindung zum Glauben. Übertriebene Ehrgefühle, die ständige Einforderung von " Respekt ", die Rolle von Vater und Mutter, sogar der Satz " Was guckst Du " und die Beschneidung – sie seien alle letztlich in einer Religion begründet, die die Trennung von Weltlichem und Geistlichem nicht kennt und sich als " kollektive Selbstvergewisserung " der aufgeklärten Gesellschaft die kalte Schulter zeigt.

Für ihr Buch hat Kelek Moscheen in Deutschland besucht. Sie schildert ihre Erfahrungen mit Vorbetern und Kommunalpolitikern, die sich eher hilflos den Herausforderungen der multikulturellen Gesellschaft stellen.

Sie berichtet aus ihren Erlebnissen als Kind einer türkischen Emigrantenfamilie als langen, oft quälenden Weg auf der Suche nach einer eigenen Identität, wie ihn Kelek schon in ihrem Bestseller " Die fremde Braut " beschrieben hat. Das Gefühl der Befreiung etwa, als sie als junges Mädchen erstmals eine Bratwurst mit dem verbotenen Schweinefleisch probierte. " Ich hatte gesündigt und fühlte mich gut dabei. "

Deutschland, so zeichnet es Kelek nach, stehe in einer langen Tradition des unkritischen Islamverstehens - von Karl dem Großen über Lessing und Goethe, dem Kaiserreich bis zu dem " Teufelspakt " zwischen den Nazis und den dem Großmufti von Jerusalem.

Zum wohl informativsten Teil des Buches gehört die Darstellung der islamischen Organisationen in Deutschland und den Bemühungen der türkischen Regierung, ihre Landesleute nicht den Islamisten zu überlassen. Doch Kelek spricht den meisten Verbänden eine demokratische Legitimation ab. Sie spricht von " Stammesführern ", für die Glaube und Politik eins seien.

Mein Streit mit den Wächtern des Islam, Kiepenheuer & Witsch, 266 Seiten, 18, 95 Euro, ISBN 978-3-462-04197-2.