Berlin ( dpa ). Friedrich Hebbels " Die Nibelungen " gehört zu den schwierigsten deutschen Theaterstücken. Die Länge und die kunstvolle Sprache des dreiteiligen Trauerspiels sind eine Herausforderung. Der stellte sich Star-Regisseur Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin mit bewundernswertem Ernst.

Ohne Substanzverlust brachte er die im Original ausufernde Geschichte um den Recken Siegfried, König Gunther und den Nibelungenschatz in nur drei Stunden auf die Bühne. Ein gar nicht kleiner Teil der Besucher verließ die Premiere am Freitagabend dennoch irritiert – vielleicht auch wegen des oft geradezu in Sturzbächen vergossenen Theaterbluts.

Besonders beeindruckt Hebbels Sprachgewalt. Michael Thalheimer bekennt sich rückhaltlos dazu. Dadurch erreicht er über weite Strecken eine knisternde Krimispannung, die durch sein Bekenntnis zum Pathos zusätzlich angeheizt wird. Die exzellenten Schauspieler, angeführt von Maren Eggert als Kriemhild und Peter Moltzen als Siegfried, setzen dies präzise um und prägen damit den Stil des Abends.

Die Geschichte vom Untergang maßlos nach Macht gierender Herrscher bekommt insbesondere durch das Können der Akteure eine überzeugende Aktualität. Ohne vordergründige Verweise drängen sich Assoziationen zu den Ränkespielen gegenwärtiger internationaler Politik geradezu auf. Darin liegt die Stärke des Abends. Ein Großteil des Publikums applaudierte denn auch am Ende kräftig. Einige der Akteure bekamen laute Bravo-Rufe.

Aber manche Hand rührte sich nicht. Neben der ausgesprochen blutrünstigen Darstellung mag dazu wohl beigetragen haben, dass alles Machtgerangel, Schlachten und Morden von nahezu unentwegt gebrüllten Dialogen begleitet wird. Dadurch geraten viele Szenen zu einer Art Comic Strip.

Das Nibelungenlied gilt weithin als deutsches Nationalepos. Treue und Liebe, Verrat und Rache, Macht und Geld werden messerscharf als Grundlage allen menschlichen Zusammenseins gezeigt. Diese Gemeinschaft gerät Hebbel zufolge in Gefahr, wenn einzelne Führungsfiguren das Gleichgewicht der Emotionen und der sozialen Ordnung durch eine überzogene Machtbesessenheit zerstören.

Dies als Gegenwartsthema anzugehen, ist zweifellos ein Verdienst von Michael Thalheimer. Die Schieflage der vorgeführten Gesellschaft wird durch die von Olaf Altmann entworfene Ausstattung klug betont : eine riesige, mal als Decke, mal als zweite Spielebene nutzbare, begehbare Kippfläche macht die Guckkastenbühne zum klaren Spiegel der dem Untergang geweihten Welt der Nibelungen – eine Inszenierung ohne modische Gags.