Telemanns Oper " Orpheus " galt lange als verschollen. Das dreisprachige Libretto wurde bereits 1957 gefunden und untersucht, die Musik aber fand man weitab von Hamburg im unterfränkischen Wiesentheid, und ab 1978 konnte mit der Rekonstruktion der Oper begonnen werden. Jakob Peters-Messer inszenierte sie in den 90 er Jahren im Apollosaal der Berliner Staatsoper, und jetzt hat er sie neu als Gemeinschaftsproduktion der Pariser Opera Fuoco und des Theaters Magdeburg in Szene gesetzt.

Magdeburg. Am Ende der Oper erklingt ein lieblicher, innig berührender Schlusschor, in dem die Bacchantinnen singen : " Ach lebe, Königin, wir sterben alle gern für dich !" Aber die Königin Orasia hat sich bereits selbst getötet, um dem geliebten Orpheus, den sie selbst töten ließ, in die Unterwelt zu folgen. Die kaltherzige Ismene bemächtigt sich der Krone.

In Telemanns Oper wird eine klassische tragische Dreiecksgeschichte erzählt, in deren Mittelpunkt eigentlich gar nicht der Titelheld mit seiner Euridice steht, sondern die Königin Orasia, die in Liebe zu Orpheus entbrannt und eifersüchtig natürlich auf Euridice ist. Sie schickt ihre Schlangen, um das Paar zu trennen, kann aber Orpheus nicht gewinnen. Es ist Orasias unheilbare Liebe, die die Geschichte in Gang setzt und bis zum tragischen Ende vorantreibt.

Die Besonderheit dieser Oper besteht nicht zuletzt darin, dass sie dreisprachig ist, deutsch, italienisch und französisch. Aber dies sind nicht nur Eigenheiten der Texte. Telemann gab den Arien und Chören kompositorische Eigenheiten. Die Rezitative sind deutsch und Deutsch ist auch die Sprache von Orpheus und Euridice, ihre Geschichte wie auch ihre Musiksprache. Die italienischen Arien, teilweise. Rückgriffe auf damals bekannte italienische Opern, drücken Leidenschaft aus, und vor allem Orasias exzentrisches Wesen. Aber zu der höfischen Welt der Königin gehören auch Arien und Chöre im französischen Stil.

Telemann hat die drei Kompositionsstile meisterhaft miteinander verknüpft, so dass die Oper außerordentlich vielgestaltig und farbenreich, damit gleichermaßen unterhaltsam wie mitreißend und gefühlvoll wirkt. Dass dies alles ausgezeichnet gelingen konnte, hat natürlich in besonderem Maße mit den Interpreten zu tun. Die Musiker der Opera Fuoco Paris spielten unter der musikalischen Leitung von David Stern stilistisch genau und gerade deshalb sehr lebendig und farbig ausdrucksvoll. Das Orchester, nur wenig unterhalb der Bühne platziert, zeichnete sich durch Klangschönheit genauso aus wie durch den für Telemanns Musik besonders typischen sprechenden Gestus, in dem jede Solostimme, etwa die Flöten, eine eigene Geschichte erzählte.

Ismene ist die diabolische Gestalt

Auch die Gesangssolisten waren ausgezeichnete Barocksänger, besonders die Brasilianerin Luanda Siqueira als Orasia. Eindrucksvoll, wie sie die italienischen Koloraturen beherrscht, wie auch die Eleganz der französischen Sequenzen. Sehr schön auch im Ensemble der Spezialisten der Magdeburger Peter Diebschlag, dessen leichter und beweglicher Tenor dem Eurimedes Gefühl und Wärme verlieh.

Orpheus von Pierrick Boisseau überzeugte gleichermaßen durch stimmlichen Glanz wie auch Charakterisierungskunst, mit der er die Kontraste zwischen Hoffnung und Verzweiflung auszudrücken vermochte. Dana Marbach war eine Euridice mit leichtem lyrischen Glanz. Eine besondere Rolle spielt Ismene. Caroline Meng gab ihr die Eiseskälte, die ganz der fast aseptischen Kühle des Königshauses entspricht. Anders als die Königin, deren Liebe, Zorn und Reue sie menschlich sein lässt, gehört sie allein der Sphäre der Macht an. Sie ist die eigentlich diabolische Gestalt dieser Oper, das vermochte die Sängerin ausgezeichnet auszudrücken.

Bleiben noch die Gestalten der Unterwelt, die eher schwach und unorganisiert sind. Pluto, Bartolo Musil, und sein Gehilfe Ascalax, Clémentine Margaine, sowie die verfluchten Geister – wunderbar auch die neun Sängerinnen und Sänger des Magdeburger Opernchores – lassen sich durch Orpheus’ Gesang rühren und wollen dem Reisenden gern helfen.

So erscheint das Ende, wenn alle drei Helden der Geschichte ins Totenreich entschwinden, eigentlich gar nicht so sehr tragisch.
" Orpheus " ist in Magdeburg noch am 20. und 21. März zu erleben, bevor die Inszenierung nach Paris geht.