Magdeburg. 1726 erschien Jonathan Swifts Roman " Gullivers Reisen ". Es war die große Zeit der Abenteuerromane, und das Buch verbreitete sich rasch in ganz Europa. Bereits drei Jahre später hatte Georg Philipp Telemann eine Suite auf Motive des Romans komponiert und die abenteuerlichen Reisen in zwölf Fantasien für zwei Violinen nachgezeichnet. Selbst im Notenbild sind Liliputaner und Riesen gut zu unterscheiden.

Abenteuer mit Musik

Fünf junge Musiker von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt / Main, das Ensemble MusiKuss, haben aus Telemanns Suite ein musikalisch-spielerisches Programm für Grundschulkinder entwickelt. Vier Geigerinnen und Felix Koch als musikalischer Leiter und Sprecher bzw. Spielleiter für die Zuschauerkinder entschlüsselten für die Kinder und mit ihnen zusammen die musikalischen Gestalten.

Zur gestrigen Premiere des Programms in der Evangelischen Grundschule Magdeburg kamen die Kinder gut vorbereitet in dieses besondere Konzert. Fast alle kannten zumindest einige der Abenteuer Gullivers oder haben Kinderbuchfassungen des Romans zu Hause. Aufregende Seefahrten und die Begegnung mit sonderbaren Wesen sind ihnen nicht ganz fremd, denn heute sind Abenteuergeschichten ja mindestens so beliebt wie sie es vor 300 Jahren auch waren.

Abenteuergeschichten mit Barockmusik zu erleben, gehört allerdings kaum zu den Alltäglichkeiten, so dass diese Variante von " Gullivers Reisen " für die Premierengäste doch zu einer spannenden Neuigkeit und einem Vergnügen wurde. Das lag vor allem daran, dass die Kinder immer gleich mitspielen konnten. Das Ensemble hat die Musik so ausgewählt, dass sie sich mühelos in kleine Spielszenen übersetzen ließ. Wenn im Eröffnungssatz die Schiffssirene erklingt, muss sich Gulliver beeilen, sich duschen und zum Hafen laufen, und plötzlich war der ganze Mehrzwecksaal der Schule voll mit reiselustigen Abenteurern. Die ließen dann auch die Meereswellen tüchtig rauschen, trappelten im Einklang mit den Geigen als Liliputaner rund um den gestrandeten Gulliver und warfen sich die Seile zu, mit denen er gefesselt wird. Später halfen sie beim Feuerlöschen, als Lilliputs Schloss in Flammen steht.

In dem Spiel hat Felix Koch auch immer wieder kleine Übungen des Hörens eingebaut, es wurden Rhythmen ausgezählt und Wiederholungen erkannt, die langsamen Schritte der Riesen im Brobdingnag-Grave etwa oder die gegensätzlichen Motive der höflichen Houyhnhnm-Pferde und der wilden und ungezogenen, sehr menschenähnlichen Yahoos. Und es gab zum Rondo-Motiv der Ouvertüre ein kleines Seefahrerlied, das mehrmals wiederkehrte und zu dem die Kinder sich fast tänzerisch bewegten. Am Ende sangen die Kinder auch den Text mit.

Lebendiges Konzert

Es zeigte sich, dass es nichts Unverständliches für die Grundschulkinder in dieser Musik gab. Zwar wurden hier die Vorstellungen der Kinder durch die bekannten Geschichten geleitet, aber sie hatten auch reichlich Gelegenheit, ihre eigene Fantasie schweifen zu lassen. Und dass es ihnen Spaß gemacht hat, war am deutlichsten daran zu bemerken, dass es in der guten Stunde des Konzertspiels nicht in einem einzigen Moment Unruhe oder Schwatzen unter den vielen Kindern gab. Zuhören, Mitfantasieren und Mitspielen – lebendiger und schöner kann ein Konzert kaum sein.

Noch zehn weitere Grundschulen haben das Programm gebucht, und am 14. März während der 20. Internationalen Telemann-Festtage gibt es im Schinkelsaal des Gesellschaftshauses in Magdeburg um 11 Uhr ein öffentliches Familienkonzert mit " Gullivers Reisen ".