Die Oper " Germanicus " komponierte Telemann als Student in Leipzig. Sie wurde 1704 während der Michaelis-Messe in einem der ersten deutschen Opernhäuser am Brühl in Leipzig erstmalig aufgeführt. Nur das Libretto der Oper war vollständig erhalten. Der Leipziger Musikwissenschaftler Michael Maul hat die Oper jetzt als Singspiel rekonstruiert. Dieses wurde am Freitag im Alten Theater in Magdeburg konzertant aufgeführt.

Magdeburg. Es war eine Frau, Christine Dorothea Lachs, welche zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Geschichte des römischen Feldherren Germanicus nach einer Vorlage des Italieners Giulio Cesare Corradi zu einem deutschen Opernlibretto verdichtete. Die Handlung lehnt sich entfernt an historische Gestalten und Ereignisse – die Gegner Germanicus und Arminius, der niedergeschlagene Aufstand gegen Tiberius und andere – an, ist aber kunstvoll so verwirrt und zugespitzt worden, dass sie nun den Stoff für eine ganze Seifenoper hergäbe oder eben für eine Oper der Barockzeit.

Claudia, Tochter des Cheruskerfürsten Segestes, soll den römischen Prinzen Lucius heiraten. Liebt aber den totgewähnten Arminius. Dieser aber erscheint auf dem Rheine und will sich mit der Entführung Agrippinas, Ehefrau des Germanicus und Mutter des künftigen Kaisers Caligula, rächen. Dies misslingt, und Arminius, unerkannt, wird auf einen Turm gesperrt, kann entfliehen, wird abermals gefangen und von Claudia gerettet. Außerdem läuft eine Intrige, angezettelt vom bösen Römer Florus gegen Germanicus und den Kaiser Tiberius.

Verkleidungen und Missverständnisse bringen zusätzliche Irrungen, falsche Eifersucht, Mord- und Selbstmordabsichten ins Spiel. Die verordnete Ehe der Claudia kann in letzter Minute schließlich nur noch durch das Eingreifen von Orakel und Geistern verhindert werden und alles löst sich in Liebe, Treue und Versöhnungen auf.

Nur die Arien sind erhalten geblieben

Wo heutige Seifenopern die sich immer weiter verstrickenden Handlungsfäden durch Fortsetzung und Fortsetzung durcheinanderspinnen, glänzt die barocke Oper durch wunderbare Klarheit, denn alle Verwicklungen erfahren in den Arien musikalisch ihre Begründungen, die meist emotionaler Natur sind. Und bereits der jugendliche Telemann erweist sich in seiner Germanicus-Oper als großer Meister darin, Emotionen seiner Helden außerordentlich eindringlich und kunstvoll auszudrücken.

Bei der Rekonstruktion der Oper hat Michael Maul aus einem Mangel eine Tugend gemacht. Von der ganzen Oper sind nur die Arien erhalten geblieben, nicht die Rezitative. Um also die Handlung zu den reflektierenden Arien zu erzählen, wurde diese zu einem Prosatext in moderner Sprache umgeschrieben, den der Schauspieler Dieter Bellmann ausgesprochen unterhaltsam und mit Witz vorgetragen hat. Dies ließ eine szenische Einrichtung der Oper kaum vermissen.

Dazu spielte das Sächsische Barockorchester unter der Leitung von Gotthold Schwarz stilvoll, einfühlsam und mit der wunderbaren Dynamik, die schließlich doch nur eine Interpretation auf historischen Instrumenten erbringen kann, etwa, wenn Siegestriumph mit Hörnerklang erschallt oder Claudia ihre Ablehnung gegen Lucius durch Oboenmelodien unterstreicht.

Alle Figuren erreichen bereits am Ende des ersten oder dann im zweiten Akt einen Punkt, an dem sie von rasendem Zorn oder bitterer Wut oder Eifersucht geschüttelt werden, die unüberhörbar aus dem Orchester ertönen, wie auch Trauer, Angst, Verzweiflung, schließlich Erlösung, Glück und Lobpreis.

Telemann erweist sich als musikalischer Maler, wenn er den brennenden Holzturm melodisch nachzeichnet, und als Psychologe, wenn er Florus seine Intrige ausspinnen lässt : " Wer da hoffet zu genießen, muss auch wissen zu betrügen …"

Die unterhaltsame Wirkung dieser konzertant aufgeführten Oper konnte schließlich aber nur erzielt werden, weil ein Sängerensemble aufgetreten ist, das die kunstvollen Barockarien ausgezeichnet zu singen verstand. An der Spitze ist der Altus Matthias Rexroth zu nennen, der sowohl den unglücklichen Liebhaber Lucius als auch den Intriganten Florus sang und die beiden Gegensätzlichen hervorragend zu charakterisieren vermochte.

Koloraturen mit beweglicher Leichtigkeit

Überzeugend auch die beiden Fürsten-Baritone Henryk Böhm als Germanicus und Tobias Berndt als Arminius, der mit beweglicher Leichtigkeit die Koloraturen fließen ließ, dass man den Atem anhalten mochte. Schön, wenn auch etwas herb, Olivia Stahn als Claudia und mit weichem Timbre sehr gefühlvoll Elisabeth Scholl als Agrippina, deren Arien die gesamte Gefühlspalette vom Hoheitlichen über Wut, Trauer bis zur innigen Liebe umfassten.

Besonderen Beifall bekam der Thomaner Knabensopran Friedrich Praetorius, der den kindlichen Caligula ausgezeichnet sang. Schließlich war noch der Tenor Albrecht Sack als Segestes zu erleben, gewohnt stilsicher und ausdrucksvoll.