Eigentlich ist alles schrecklich traurig. Die Menschen in der düsteren, windigen niederländischen Provinz sind geprägt von ihrer Religion und eingezwängt in ein enges Korsett strikter Moralvorstellungen. Eigentlich sind sie durch Erziehung und Milieu so verkorkst, dass sie gar nicht glücklich werden können. Und doch kommt in Maarten ’t Harts neuem Roman " Der Schneeflockenbaum " am Ende für jeden ein pralles Leben heraus – mit Erfolgen, Sehnsucht, Enttäuschungen und auch mit Liebe.

München ( dpa ). Jouri, der Sohn eines verachteten Kollaborateurs aus Kriegszeiten, ist brillant – als Mathematiker, aber vielmehr noch in seiner Fähigkeit, Kontakt zu anderen Menschen zu knüpfen und sie zu bezaubern. " So ein netter Mann ", seufzen selbst Frauen, die seinem Charme nicht voll und ganz erliegen. Allerdings empfindet sich der schmächtige Junge selbst als zweitklassig. Seit dem Kindergarten schaut er bewundernd zu seinem kräftigen Freund auf, dem Erzähler des Buches. Und der hat, vor allem als Kind, ein schreckliches Handicap : Er leidet unter schweren Blähungen, unkontrollierbarer Stuhlgang verschmutzt seine Hosen und in den unpassendsten Momenten entfahren ihm kräftig stinkende Darmwinde.

Das alles macht Jouri nichts aus. Die Freundschaft der beiden hält auch noch, als beide getrennte Wege einschlagen. Während Jouri Mathematiker wird, entscheidet sich sein Freund für Biologie und spezialisiert sich auf Parasitenforschung. Und wie ein Parasit scheint sich auch Jouri an seinen Freund zu hängen. Jede Frau, die den anderen interessiert, spannt Jouri ihm aus. Erst durch die Emotionen des Freundes werden Menschen für den kleinen Mathematiker interessant. Selbst der Biologie-Kommilitone des Freundes wird später Jouris Forschungspartner.

Hinter dem Offensichtlichen steht aber immer noch eine weitere Wahrheit. Geheimnisse, Beziehungen, die sie vor dem anderen verstecken, schaffen Zweifel und Misstrauen, ebenso langlebig wie die Freundschaft.

Moral, Doppelmoral und tiefe Verbundenheit, das sind die Themen des niederländischen Erfolgsautors Maarten ’t Hart, die er auch in diesem von Gregor Seferens übersetzten Roman mit klarer Sprache behandelt. Mit wenigen Worten versteht er es, den Leser in die lebendigen Szenen hineinzuziehen. Und ganz nebenbei ist der Roman zu einem Nachruf auf die Vielfalt der niederländischen Flora und Fauna geraten, die nur zu oft in der Wüste neuen Baulandes untergeht.

Maarten ’t Hart : Der Schneeflockenbaum, Piper Verlag, München, 350 Seiten, 13, 95 Euro, ISBN : 978-3-492-04634-3