Ich habe den schönsten Arbeitsplatz deutschlandweit. Jedenfalls soweit es die Dichter betrifft. Das stammt nicht von mir, sondern von Kollegen aus Bayern, Ostfriesland und aus Baden-Württemberg, die unabhängig voneinander diese gleichlautende Bewertung abgaben. Aber als ob das noch nicht reichte, reihten sich noch je ein Kollege aus Bulgarien und Italien ein. Durch sie bekam mein Schreibtisch mit dem einmaligen Blick nach draußen eine europaweite Dimension.

In aller Nüchternheit muss ich tatsächlich sagen, dass mich mein Arbeitsplatz sehr zufrieden macht. Am westlichen Dorfrand gelegen, abseits jeden Verkehrslärms und Windkraftgegrummels, habe ich einen beruhigenden und erbaulichen Blick in die altmärkische Moränenlandschaft. Leicht abfallende Wiesen zu einem Flusslauf, die wieder ansteigen, dort schon Äcker, begrenzt am Horizont von einer dunklen Linie der Forst. Wo für mich als Kind die Sonne wohnte, die abends nach Hause ging.

Alles schön also, bis eines morgens Getöse hörte. Als ich an mein berühmtes Fenster trat, sah ich Aktivitäten. Zwei Traktoren auf einem Feldchen, das früher mit dem Spaten umgegraben wurde. Während der eine Traktor einen Pflug zog, hatte der andere einen großen Bohrer, der Löcher in die Erde grub. Die Löcher waren für Bäume bestimmt, was an anderer Stelle schon zu erkennen war. Die wurden eingepflanzt. Und mit dicken Rundhölzern bewehrt. Wie ich es im Krüger-Nationalpark gesehen hatte, wo Bäume gegen Nashornstoß und Elefantenbiss geschützt wurden. Hier kam mit deutscher Gründlichkeit bei jedem Bäumchen noch ein Drahtverhau hinzu.

Da dieses Baumpflanzen vor meinem Fenster mit mir nicht abgesprochen war, rannte ich nach draußen. Auf den ersten Arbeiter zu mit der Frage, was sie hier denn machten. Aber da er sich nicht auskunftsverpflichtet fühlte, beließ er es dabei. Erst als ich wieder im Haus verschwand, hörte ich, was er einem Kollegen zurief. " Noch ein Klugscheißer mehr. "

Nach mehreren Telefonaten fand ich heraus, wer die Begrünung meiner Fenster angeordnet hatte. Und da ich meinen übergangenen Bürgerwillen anmahnte, kam auch bald eine Kommission der mittleren Umweltbehörde. Und einer erklärte mir den Sinn. In der Feldmark wären eine Anzahl von Wegen mit Asphalt versiegelt. Und um diesem Schaden entgegenzuwirken, waren Ausgleichspflanzungen vorgesehen und wurden, wie zu sehen, auch durchgeführt.

Warum die Bäume nicht neben den harten Trassen gepflanzt wurden, sondern in meinen Panoramablick, meinte mir der Beamte nicht erklären zu müssen. Andere wären froh, wenn sie Blätter vor den Fenstern hätten.

Außerdem könnten sie auch anders. Ob ich wüsste, was eine Putenmastanlage ist, fragte er. Wie groß und wie sehr es aus ihr stank. Und die Nachbarn hätten schon beim Frühstück Federn im Mund. Standorte für Putenmastanlagen wären knapp und würden immer gesucht. Genau wie Ställe für Schweinezucht. Falls ich verstand, was er sagen wollte.

Natürlich verstand ich. Verabschiedete mich und verschwand im Haus. Als ich dort an meinem berühmten Panoramafester stand, war was anders. Plötzlich erschien mir die Anpflanzung im völlig neuen Licht. Ich freute mich auf das Frühjahr. Vor den Scheiben das satte Grün.

Auch dass jedes Bäumchen von drei Masten am Umfallen gehindert wurde, bekam nun für mich einen tieferen Sinn.

Martin Meißner ist Schriftsteller und lebt in Sachsen-Anhalt.