Die Statistik lässt sich sehen : Rund 50 Veranstaltungen mit 540 Künstlern aus 21 Ländern haben zu den 20. Telemann-Festtagen ( 12. bis 21. März ) insgesamt 8000 Gäste angelockt – Besucherrekord. Im Gespräch mit Grit Warnat blickt Carsten Lange, wissenschaftlicher Leiter des Magdeburger Telemann-Zentrums, auf diese Jubiläumsfesttage zurück und richtet den Blick auf die 21. Festtags-Auflage im Jahr 2012.

Volksstimme : Herr Lange, mit der Verlängerung der Telemann-Festtage auf zwei Wochenenden haben Sie Neuland betreten. Sie sprachen von einem Experiment. Mit Blick auf die Besucherzahlen darf man wohl resümieren, dass dieses Experiment geglückt ist ?

Carsten Lange : Wir sind außerdentlich zufrieden, dass das neue Konzept aufgegangen ist. Damit konnten wir mehr Veranstaltungen und mehr Plätze anbieten. Auch zeitgleich stattfindende Veranstaltungen wurden sehr gut angenommen.

Volksstimme : Die zwei Wochenenden sind also für 2012 gesetzt ?

Lange : Aus konzeptioneller Sicht gibt es keinen Grund, davon wieder abzuweichen.

Volksstimme : Im Vorfeld wurde viel Werbung für die " Orpheus " -Operninszierung am Theater Magdeburg betrieben. War sie das Zugpferd ?

Lange : Die Oper hat tatsächlich Aufsehen erregt, auch international. Gemeinsam mit dem Theater Magdeburg, der Pariser Opera Fuoco und Förderern ist es geglückt, diese internationale Koproduktion genau auf die Telemann-Festtage zuzuschneiden. Und erstmals ist es gelungen, in Magdeburg eine Telemann-Oper im Zusammenwirken von hiesigem Opernensemble mit einem auf historischen Instrumenten musizierenden Orchester unter Einbeziehung einer internationalen Sängerriege zu inszenieren. Um so etwas zu erleben, fahren Interessierte meist in andere große Städte. Diesmal kamen viele dafür nach Magdeburg.

Volksstimme : Dieser mehrsprachige " Orpheus " war ausschließlich zu den Festtagen zu erleben und wurde nicht wie in den Jahren zuvor in den Spielplan des Theaters aufgenommen. Hat sich das bewährt ?

Lange : Wir haben viel Zuspruch erhalten. Es hat sich ein positiver Effekt gezeigt : Auswärtige, die unbedingt die Oper sehen wollten, besuchten auch andere Konzerte. Ganz ehrlich : Wir waren anfangs schon skeptisch, an vier Abenden so kurz aufeinander das Opernhaus zu füllen.

Volksstimme : Ist Telemann stärker in unserem Bewusstsein angekommen ?

Lange : Auf jeden Fall. Das sieht man auch anhand des CDMarktes. Die Zahl der Einspielungen von Telemann-Werken nimmt rasant zu. Auch seine Opern rücken stärker in unser Bewusstsein, erobern die Spielpläne.

Volksstimme : Diese " Orpheus " -Produktion wird heute und Sonnabend in Paris gezeigt. Wissen Sie, wie die Resonanz ist ?

Lange : Überwältigend. Es gibt keine Karten mehr.

Volksstimme : Die Festtage stehen für ein Live-Erlebnis. Gibt es Konzerte auch auf CD ?

Lange : Vier Konzerte werden in absehbarer Zeit als CD erscheinen, darunter die Oper " Germanicus " und die " Lukaspassion 1748 ". Das ist ein Quantensprung für uns und zeigt, dass sich Magdeburg als Produktionsstandort für Telemann-Einspielungen etabliert. Rundfunkmitschnitte einzelner Konzerte werden übrigens vom englischsprachigen Programm der Deutschen Welle übernommen und im Bereich Lateinamerika, Südostasien, Australien zu hören sein.

Volksstimme : Weltbekannte Ensembles wie der Thomanerchor, renommierte Musiker wie der Telemann-Preisträger Simon Standage oder Reinhard Goebel waren zu erleben. Ist es leichter geworden, solche Künstler nach Magdeburg zu holen ?

Lange : In Künstlerkreisen haben die Festtage einen sehr guten Ruf. Die inhaltliche Konzeption liefert dafür eine wichtige Basis. Das ist eine Situation, die ohne Zweifel manche Verhandlungen erleichtert.

Volksstimme : Die Telemann-Festtage haben weiter an Internationalität gewonnen. Kann man das auch für das Publikum sagen ?

Lange : Unter den Besuchern waren zirka 40 Prozent Magdeburger, 60 Prozent kamen von auswärts. Erste Auswertungen deuten auf einen hohen Anteil ausländischer Gäste. Sie kamen aus dem skandinavischen Raum, aus Frankreich, der Schweiz, Kanada, Japan. Wir hatten sogar Gäste, die den gesamten Festivalzeitraum hier verbrachten. Es lohnt also, 2012 in Zusammenarbeit mit regionalen Kulturträgern das Programm zwischen den Wochenenden auszubauen.

Volksstimme : Sie sind Musikwissenschaftler, beschäftigen sich Jahr für Jahr mit Telemann. Was empfinden Sie, wenn Sie eine Uraufführung erleben, eine Oper mit seiner Musik ?

Lange : Ich bin aufgeregt, angespannt – und fasziniert. Mit der Lukaspassion beispielsweise habe ich mich drei Jahre beschäftigt. Anhand der Noten entwickelt man eine eigene innere Vorstellung vom Werk, der sich die klingende Interpretation hinzugesellt. So waren auch diese Festspiele für mich immer wieder überraschend.