25 Jahre ist der gebürtige Wiener Christian Simonis bereits als Chefdirigent regionaler deutscher Orchester engagiert, im Jahr 2000 bekam er den Titel Generalmusikdirektor verliehen, seit 2005 ist er Chef der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck. Ein Leben für die Musik und für die Menschen vor Ort.

Schönebeck. Eine Szene mit Symbolcharakter : Nach einem Konzert von Christian Simonis in Göttingen hört es nicht auf, Applaus und Rosen auf das Pult des Dirigenten zu regnen, der mit seinen Musikern gerade Schostakowitschs 7. Sinfonie hinter sich hat. Anstatt ausgiebig im verdienten Beifall zu baden, bückt sich der so geehrte Maestro, klaubt unter den Blütenblättern die Partitur hervor und hält sie hoch über seinem Kopf dem Publikum entgegen. Botschaft : Es ist die Musik selbst, die zählt. Es sind deren Schöpfer, die Komponisten, für die Simonis – er scheut den fast altmodisch wirkenden Begriff nicht – " Verehrung " empfindet.

Diese Haltung war schon dem 1956 in Wien geborenen Sängerknaben eigen, den die Musik bereits in der vierten Klasse von der Familie weg ins Internat holte. Heute strahlt sie der 54-jährige Generalmusikdirektor der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck aus – egal ob er gerade Mozart dirigiert, einen wiederentdeckten Richard Eilenberg, einen zeitgenössischen Thomas König oder volksnah die Filmmelodie zu " Fluch der Karibik ". Unabhängig davon, welches Orchester vor ihm sitzt, ob er seinen Klangkörper mit international erfahrenen Solisten oder mit Nachwuchsmusikern aus dem Salzlandkreis verstärkt hat. Oft verzichtet Simonis auf den Taktstock, beschwört den Geist der Musik mit bloßen Händen und ist – wie das Sterntalerkind im Märchen – bereit, alles zu geben.

25 Jahre als Chefdirigent auf deutschen Bühnen hat der stets charmante Österreicher zumeist jenseits des Scheinwerferlichts der großen Feuilletons verbracht. In täglicher Kleinarbeit, mit vergleichsweise kleinen, hart errungenen Budgets und der für ihn selbstverständlichen Einsatzbereitschaft hat Simonis Großartiges geleistet : ob bei der Bad Reichenhaller Philharmonie ( 1985 bis 1990 ), dem Göttinger Symphonie Orchester ( 1990 bis 2005 ) oder seither bei der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie. Gemeinsam sei den drei Orchestern, " die mir anvertraut waren ", dass " sie selbst schwer um ihre Akzeptanz und Existenz kämpfen mussten ", benennt Simonis den roten Faden, der die Stationen seines beruflichen Werdegangs verbindet.

Zum Erfolgsrezept gehört Eigeninitiative

Gerade die Schönebecker sind unter seinen Händen zum profilierten David unter den Klangkörpern des Musiklandes Sachsen-Anhalt geworden. Hervorragende Kritiken erhalten sie nicht allein bei Heimspielen, sondern auch bei Tourneen bis nach Nordrhein-Westfalen, per se ungewöhnlich für ein Ensemble ihrer Größenordnung. Dass das Salzlandensemble seinem Kleinstadtpublikum mehr Uraufführungen und andere gewagte Stücke pro Spielzeit zumutet als manches Großstadtorchester, geht auf Simonis’ Konto.

Sein Erfolgsrezept ist einfach : Der Chefdirigent versucht nach Leibeskräften, sich selbst überflüssig zu machen, fördert Eigeninitiative und Selbstbewusstsein seiner Musiker und praktiziert mit ihnen im Verbund all das ohne Tamtam, Extraförderung und seit Jahren, was mittlerweile lautstark ( und mit englischen Etiketten versehen ) von der Deutschen Orchestervereinigung gefordert wird : Vernetzung mit der Region, enge Zusammenarbeit mit Schulen, Musikschulen, Chören, Profiund Laienensembles vor Ort, auch was das soziale Potenzial der Klassik betrifft. Keine Berührungsängste, weder mit Neuer Musik noch mit der heiteren Muse. Kompositionswettbewerbe hat Simonis mehrere ins Leben gerufen. Als " Glücksfall für das Land " wurde er vom Deutschen Tonkünstlerverband bezeichnet, dessen Ehrenmitglied er seit 2008 ist. Auszeichnungen verschiedenster Art erhielt er sowohl in Österreich als auch in Deutschland, darunter auch das " Ehrenprotektorat " der Deutschen Johann-Strauß-Gesellschaft.

Bereits als Siebenjähriger hat Simonis während eines Konzertes der Wiener Philharmoniker beschlossen, Dirigent zu werden. Mit seinem Vater, einem bekannten Wiener Portraitfotografen, erlebte er dort den damals hochberühmten Carl Schuricht am Pult. " Die Einmaligkeit des Augenblicks ", die die Musik ermögliche, habe ihn bis heute nicht mehr losgelassen.

Kein Wunder ist es auch, dass der langjährige Vorsitzende der Joseph-Haydn-Gesellschaft

heute Abend zum ausverkauften Jubiläumskonzert im Kurort Bad Salzelmen neben Mozart und Schostakowitsch eine weitere Uraufführung angesetzt hat. Den Taktstock überlässt er dafür dem 20-jährigen Komponisten Robert Lillinger.

" Es ist der schöpferische Mensch, der uns weiterbringt, egal ob weltbedeutend oder nicht. " Der Satz von Simonis auf die hochverehrten Komponisten gemünzt, passt auch für ihn selbst.