Eugéne Marin Labiche hat in den vierziger bis siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts 175 Stücke geschrieben – alles Komödien, Possen, Vaudevilles, auch eine komische Oper war darunter. Etliche von ihnen sorgen bis heute für ausverkaufte Häuser, viele sind verfilmt worden. In einer neuen, leicht modernisierten Übersetzung von Sabrina Zwach hat Herbert Fritsch Labiches "Die Affäre der Rue de Lourcine" im Magdeburger Schauspielhaus inszeniert. Am Sonnabend war Premiere.

Von Liane Bornholdt

Magdeburg. Die Geschichte des 1857 entstandenen Stücks ist außerordentlich aktuell. Oscar Lenglumé erwacht nach einer Sauftour und kann sich an nichts mehr erinnern. Neben ihm schnarcht nicht etwa ein Mädchen, sondern ein wildfremder Kerl. Es ist Mistingue, ein zufälliger Saufkumpan, der sich ebenfalls an nichts erinnert. Die erste Herausforderung besteht darin, die Sause mit den unübersehbaren Folgen irgendwie vor Norine, Lenglumés Ehefrau, zu verheimlichen, zumal diese gutgelaunt ihrem Eheliebsten zum Namenstag gratulieren möchte. Die Ausreden sind so schillernd bunt, dass sie sich lebhaft mit den Blümchentapeten, -vorhängen, und -tischdecken mischen und sich in ihrer wunderbaren Unlogik nicht unbedingt als Erfolgsrezepte in ähnlichen Fällen empfehlen.

Als aber Norine beim Katerfrühstück aus der Klatschspalte der Zeitung vorliest, geraten sie in Panik. In der Nacht hätten zwei Betrunkene ein Kohlenmädchen in der Rue de Lourcine bestialisch getötet. Ein grüner Regenschirm mit einem Affenkopf als Knauf sei bei der Leiche gefunden worden, genauso einer, wie ihn Lenglumé vermisst, sowie ein Taschentuch mit den Initialen Mistingues. Überdies finden beide in ihren Hosentaschen Kohlenstaub. Dass die Zeitung 20 Jahre alt ist, weiß nur das Publikum und der Diener Justin (Frank Benz).

Herbert Fritsch, der auch die Blümchenbühne schuf, hat einen wirklich lustigen Tanz inszeniert. Bastian Reiber als Lenglumé und Jonas Hien als Mistingue waren schon hoffnungslos desorientiert im Blümchenbettzeug zu sehen gewesen. Jetzt, ausgewickelt und ein wenig bekleidet, versuchen sie, sich zwischen den körperlichen Folgen und der phantasierten Mordtat mühsam aufrecht zu erhalten. Das geschieht in teilweise rasanter Geschwindigkeit, akrobatischem Slapstick, wunderbarer Mimik.

Seinen Rhythmus erhält das Spiel im Auf und Ab der Phantasien. Immer wieder keimt Hoffnung auf, dass vielleicht alles doch gar nicht so schlimm gewesen wäre, oder doch wenigstens, dass die Vertuschungsversuche irgendwie gelingen mögen. Dazu gehört etwa eine Waschorgie, mit der man sich nicht Blut, so doch die Kohlenschwärze von den Händen waschen will, hoffnungslose Mordversuche und Ernüchterungen mittels weitern Alkohols. Der lässt die Säufer sogar so lustig werden, dass sie mit einer Polonaise durchs Publikum ziehen.

Hilfe kommt von verschiedenen Seiten. Natürlich leistet Justin, was er kann, und wundert sich über gar nichts, auch nicht darüber, dass er den Herrn scheinbar in seiner eigenen Fraktion mit einem Kerl im Bett fand. Außerdem taucht der Cousin Potard (Axel Strothmann) auf, der seinerseits mit ein paar Schwindeleien sich Lenglumé zu verpflichten sucht, weil er Geld von ihm schnorren will.

Heide Kalisch als Norine lässt das ganze Theater ziemlich ungerührt an sich vorüberziehen. Sie hat sogar einiges Vergnügen an den Annäherungsversuchen Mistingues und ist mit Frauendingen beschäftigt. Als ihr die Post allerdings eine umfängliche Rechnung aus einem sehr miesen Etablissement zustellt, löst sich alles auf. Alle Katastrophen enden im Blümchenrausch und hinterlassen ein sehr amüsiertes Publikum.