Viel Krise, viel Zeitgenössisches gibt es zu sehen - und vom Festivalpublikum wird richtig viel Ausdauer verlangt. Nicht alle sind glücklich mit dem Verzicht auf Klassiker wie Schiller und Shakespeare beim 47. Berliner Theatertreffen.

Berlin (dpa). Kredit gibt es keinen mehr. Die Begründung des Bankdirektors ist einfach: "Ich krieg den Tresor nicht mehr auf." Selbst der sonst so poetische Schweizer Christoph Marthaler ist zum Berliner Theatertreffen 2010 mit einer Geschichte über die allgegenwärtige Wirtschaftskrise angereist. "Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie" heißt das Stück, das am Wochenende zur Festival- Halbzeit in einem Hangar des stillgelegten Flughafens Berlin-Tempelhof gespielt wurde.

Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat für die Marthaler-Schauspieler einen wie immer beeindruckenden Raum im Raum geschaffen. Dieses Mal bewegen sich Darsteller wie Barbara Nüsse, Lars Rudolph, Ueli Jäggi und Bettina Stucky in einer tristen Wohnsiedlung inklusive Garagen, Balkon und Straßenlaternen. Dort fragen sich die muffig bürgerlichen Krisen-Verlierer, ob man es wohl merkt, wenn die Demokratie endgültig abgeschafft ist.

Zunächst einmal wird herzzerreißend den gepfändeten Möbelstücken nachgeweint. Einer hat Frau und Kinder erschossen, weil er vor lauter Schulden nicht mehr weiterwusste. Kostüm und Anzug müssen dann schon bald Jogginghose und Schlabberpulli weichen. Da kann nur noch ein Gewinn beim Topmodel-Wettbewerb helfen, um nicht endgültig im vielzitierten Prekariat zu landen.

Eine Handlung gibt es bei der für die Wiener Festwochen entstandenen Inszenierung nicht, dafür perfekt choreografierten, immer zum Gefühlsleben der Figuren passenden Leerlauf und viel Gesang. Marthaler hat als Theatertreffen-Stammgast schon packendere und vor allem poetischere Stücke gezeigt. Doch bei seinem Geduld erfordernden Stillstands-Theater ist immer noch die kraftvolle Lust am Ausprobieren zu spüren, aus der Neues wächst.

Ganz anders war es da noch bei der eher schwachen Festi- valeröffnung zugegangen, bei der Regisseur Johan Simons ein grelles Licht auf Horvàths Arbeitslosen-Drama "Kasimir und Karoline" (Schauspiel Köln) warf und dem Stoff doch keine neuen Impulse geben konnte.

Völlig aus dem Rahmen fiel dann die fröhlich-bunte Musicalperformance "Life and Times", eine Koproduktion von Wiener Burgtheater und der New Yorker Off-Off-Gruppe Nature Theater Of Oklahoma. Das Publikum reagierte heftig und sehr gespalten auf das Stück, in dem die Schauspieler Episoden aus einer langweiligen Mittelstands-Kindheit besingen und sich dazu in einer Art sozialistischer Kollektiv-Gymnastik nonstop bewegen.

Viel Kritik von Claus Peymann

Bewegungstheater ganz ohne Worte gab es dann vom Schauspielhaus Graz zu sehen. Mit viel Witz und Action, aber ohne tiefere Spuren des Tiefsinns zu hinterlassen, zeigte Viktor Bodó eine stark bearbeitete Fassung von Peter Handkes eigentlich sehr poetischem Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten". Schon wünschen sich einige Theatertreffen-Besucher die "guten alten" Klassiker zurück – immerhin gibt es nicht wenige Regisseure, die auch mit Stücken aus der Antike Antworten auf Fragen unserer Gegenwart geben können.

Zum ganz großen Schlag holte mal wieder der ewige Grantler Claus Peymann aus. Die diesjährige Jury-Auswahl sei "weit weg von den zehn bemerkenswertesten" Inszenierungen der Saison.

"Das Theatertreffen ist wirklich dabei, sich selbst abzuschaffen", meinte der Intendant des Berliner Ensembles, dessen Haus schon länger nicht mehr zu dem Festival eingeladen war.

Das Publikum könne "den letzten Zuckungen einer ruhmreichen Institution" zuschauen, sagte Peymann. Aber noch ist das Festival nicht zu Ende. Bis zum Pfingstmontag (24. Mai) sind unter anderem noch Roland Schimmelpfennigs Globalisierungsdrama "Der goldene Drache" in der Regie des Autors sowie Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" zu sehen.