Die Entscheidung für die diesjährige Goldene Palme wurde mit überraschtem, aber freudigem Applaus aufgenommen. Mit der Preisvergabe an den thailändischen Film "Onkel Boonmee" gingen am Sonntagabend die 63. Filmfestspiele von Cannes zu Ende.

Von Barbara Schweizerhof

Cannes (epd). Die neunköpfige Jury, der in diesem Jahr der Filmemacher Tim Burton vorstand, entschied sich für den Film des Regisseurs Apichatpong Weerasethakul, der lediglich als cineastischer Geheimtipp gehandelt worden war. Allerdings hatte der Mann mit dem schwer auszusprechenden Namen bereits 2004 mit "Tropical Malady" in Cannes einen Jury-Preis gewonnen.

Sein neuer Film zeigt einen schwerkranken Mann, der von den Geistern seiner verstorbenen Familienangehörigen in den Tod begleitet wird. Wie kaum ein anderer Filmemacher des gegenwärtigen Weltkinos versteht es der Thailänder, urbane Moderne mit archaischem Dschungel, kargen Realismus mit magischer Poesie zu verbinden. Für die schwierige Konfrontation mit dem Tod, eine Art Leitthema des diesjährigen Wettbewerbs, findet Weerasethakul so furchtlos-direkte wie tröstend-versöhnliche Bilder.

Von Aussöhnung und Tod handelt auch der französische Film "Des hommes et des dieus" von Xavier Beauvois, der die zweithöchste Auszeichnung des Festivals, den Grand Prix der Jury, erhielt. Nach wahren Begebenheiten aus dem Jahr 1996 erzählt Beauvois von einer Gruppe von Mönchen in einem abgelegenen Kloster in Algerien, die von islamischen Extremisten entführt und schließlich ermordet werden.

Beauvois ist ein zutiefst bewegender Film gelungen, der seine Figuren nicht als furchtlose Heroen zeigt, sondern als immer wieder auch ängstlich-zaudernde Männer, die erst als Gruppe zur nötigen Stärke finden, um zu vollenden, was sie als ihre Mission ansehen. "Des hommes et des dieus" galt zusammen mit Mike Leighs Film "Another Year" als der große Favorit des Festivals.

Der britische Regisseur Leigh, der 1996 mit "Secrets & Lies" die Goldene Palme gewann, ging jedoch unerwartet leer aus.

Den Preis für den besten Schauspieler teilte die Jury in diesem Jahr auf zwei Darsteller auf. Der Spanier Xavier Bardem hatte dabei als klarer Favorit auf diese Auszeichnung gegolten. In Alejandro Inarritus "Biutiful" spielt er auf eindringliche, aber nie Mitleid heischende Weise einen alleinerziehenden Vater und Kleinkriminellen, der nur noch wenige Monate zu leben hat.

Eine kleine Überraschung war dagegen die Berücksichtigung von Elio Germano. Der junge Italiener stellt im ansonsten eher enttäuschenden Sozialdrama "La nostra vita" von Daniele Luchetti eine Figur dar, die der von Bardem in "Biutiful" sehr ähnlich ist: Als Bauunternehmer verdient er sein Geld mit Schattenwirtschaft, und auch er muss sich mit dem Tod auseinandersetzen, als bei der Geburt des dritten Kindes seine Frau überraschend stirbt.

Zeremonie voller ernster Feierlichkeit

Obwohl also die 63. Filmfestspiele von Cannes gut als "Festival der Geister und Toten" in die Geschichte eingehen könnten, berücksichtige die Jury bei der Auswahl der besten Schauspielerin und der besten Regieleistung immerhin zwei Filme mit einer etwas leichteren Note. Juliette Binoche wurde für ihre Rolle in Abbas Kiarostamis verspieltem Zweipersonendrama "Copie conforme" geehrt. Der vor allem als Schauspieler berühmte Mathieu Amalric, der zuletzt bei James Bond den Bösewicht verkörperte, nahm für seinen launischen Film über den Manager einer "New Burlesque"-Truppe, "Tournee", den Preis für die beste Regie entgegen.

Doch mit der Vergabe des Drehbuchpreises an den Koreaner Lee Chang Dong zeigte sich erneut die Vorliebe fürs Düstere. Sein "Poetry" erzählt auf sehr stille Weise von einer alternden Frau, die mit einem schwierigen Enkel und einer beginnenden Alzheimer-Erkrankung zurechtkommen muss. Auch der Jurypreis konnte nichts zur Aufheiterung beitragen: "Un homme qui crie" von Mahamat-Saleh Haroun aus dem Tschad nimmt den Bürgerkrieg in seinem Land zum Hintergrund einer tragischen Vater-Sohn-Geschichte.

Durch die von durchweg ernster Feierlichkeit geprägte Zeremonie führte die franko-britische Schauspielerin Kristin Scott Thomas. Ihre ersten Worte galten dabei dem Gedenken an den in seinem Heimatland inhaftierten iranischen Regisseur Jafar Panahi, der ursprünglich als Jurymitglied der Sektion "Un certain regard" zum Festival eingeladen war und der vor wenigen Tagen in den Hungerstreik trat.