Von Ulrike Löhr

Magdeburg. Das vorletzte Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie dieser Spielzeit spannte einen großen kompositorischen Bogen von Orchestrierung, Bearbeitung und Variationen und damit verschiedener Klang- und Stilwelten. Den Rahmen des Konzertabends bildeten drei Werke von Johannes Brahms, die dieser ursprünglich für Klavier und Klavierquartett geschrieben hatte.

Gastdirigent Johannes Stert, der in Magdeburg erst kürzlich sein Debüt mit dem italienischen Doppelabend "Nacht der Ängste / Gianni Schicchi" sowie Bernsteins "West Side Story" gege- bhen hatte, bot zu Beginn eine eigene Bearbeitung für Orchester. Aus den späten Brahms’schen "Sieben Fantasien für Pianoforte" op. 116 erklangen das Capriccio Nr. 3 und Intermezzo Nr. 4 für Orchester. Hier setzte er interessante Bläser-Timbres durch Corno da caccia, zarte Hörner und Trompeten, Tenorsaxofon, Englischhorn und auch Kontrafagott. Mit zusätzlichen virtuosen Farbtupfern von solistischem Streichquartett, Harfe oder Vibrafon schuf er eine meisterliche Korrespondenz zwischen einem Ausdruck innigen Fühlens und klarer tonaler Struktur.

Auf diese Brahms’sche Romantik sollte im Folgenden sachliche Moderne prallen. Arnold Schönbergs "Variationen für Orchester" op. 31 machten klingend erfahrbar, wohin die intensive Auseinandersetzung des Wiener Musik-Modernisierers mit seinem großen Vorbild Brahms in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt hat.

Schönberg war gerade als Nachfolger des verstorbenen Ferruccio Busoni als Vorstand einer Meisterklasse für Komposition an die Preußische Akademie der Künste in Berlin berufen worden, als er sich ab 1926 mit dieser ersten Zwölftonkomposition für großes Orchester beschäftigte. Umrahmt werden hier das Thema und die insgesamt neun Variationen von einer Introduktion und einem umfangreichen Finale. Die riesig besetzte Magdeburgische Philharmonie und allen voran Dirigent Johannes Stert versuchten, in sich wandelnder Formgebung die Klangwirkungen und differenzierten Charaktere zutage treten zu lassen, dabei lag die Schwierigkeit weniger im Zusammenspiel denn in dem Anspruch an die einzelnen Stimmen.

Ein Begeisterungssturm des Publikums

Doch der Komplexität des Werkes bei einmaligem Hören folgen konnte eventuell nur ein Teil des Publikums. Infolgedessen blieben einige Plätze nach der Konzertpause leer. Was äußerst schade war, denn die Konzertfrühabbrecher verpassten im zweiten Konzertteil mit Schönbergs Orchesterbearbeitung des Brahms’schen "Klavierquartetts g-Moll" op. 25 nun wirklich das funkelnde Juwel des Abends. Schönberg griff 1937 in Los Angeles für seine Bearbeitung auf ein größeres Orchester zurück, als Brahms es je verwendet hatte. Er scherzte als erklärter Brahms-Bewunderer gelegentlich von der "Fünften Sinfonie" seines großen Vorbildes und formulierte voller Respekt gegenüber der originalen kammermusikalischen Brahms-Gattung: "Ich hatte nur diesen Klang auf das Orchester zu übertragen, und nichts anderes habe ich getan."

Und so führte Johannes Stert die Magdeburgische Philharmonie behutsam zu einer fesselnden musikalischen Tiefenperspektive. Da blitzten tolle Begleitfloskeln in den Holzbläsern auf, geniale Klangkombinationen von Metallofon und gestopften Blechbläsern, Englischhorn und gedämpften Streichern, brillierende Flöten mit Piccolo, ein Duett von Englischhorn und Oboe – Feinheiten entfalteten sich zahlreich und sehr genüsslich. Ein temperamentvolles Furiosum letztlich das Rondo alla Zingarese im Stile Brahms’ Ungarischer Tänze. Ebenso temperamentvoll ergoss sich nun der Begeisterungssturm des Konzert-Publikums.