Chorknaben sind keine Musterknaben. Das merkt man schnell, wenn man Zuhörer in einer der Proben des Magdeburger Knabenchores ist. Da wird gelacht, gerufen, auch mal geschubst. Mitten im Getümmel von 30 bis 35 Jungen, mit der Ruhe eines Felsens in der Brandung, steht Frank Satzky, Gründer und seit 25 Jahren Leiter des Magdeburger Knabenchores.

Magdeburg. Mit einem Blick und einer Geste des Chorleiters Frank Satzky ebbt der Lärm schnell ab. Auch die Sänger, die längst dem Knabenalter entwachsen sind und etwas abseits in der Aula der Oskar-Linke-Sekundarschule stehen, reihen sich in den Auftrittschor zur Probe ein. Noch ein prüfender Blick des Dirigenten mit erhobener Hand, eine kurze Ansage, welches Lied an welcher Stelle begonnen werden soll, Töne werden angesungen, und schon klingt es harmonisch aus vielen Kehlen, fügen sich die Stimmen zum kräftigen Gesang – zum Chorgesang.

Seit 25 Jahren wiederholt sich das für Frank Satzky zweimal in der Woche, die vielen Konzerte, Wettbewerbe oder Chorlager gar nicht mitgerechnet.

Eine Sisyphusarbeit. Aus kleinen Sängern werden große, die Stimmlagen verändern sich, manche verlassen aus beruflichen oder privaten Gründen den Chor, neue Sänger kommen hinzu, manchmal ganz kleine, gerade sechs Jahre alt, die noch nicht lesen, aber nach einiger Zeit schon mitsingen können.

So ein Chor ist wie ein lebendiger Organismus. Er verändert sich ständig, ist mal besser und mal weniger gut drauf, hat Stärken und Schwächen, muss immer wieder motiviert werden, damit das Singen auch nach der x-ten Probe zum gewünschten Ergebnis führt.

Frank Satzky ist so ein Motivationskünstler. Er geht auf die Jungen ein, macht Spaß mit ihnen, aber jeder weiß: Wenn es um den Gesang geht, ist Disziplin angesagt. Dabei wird er selten laut, aber bestimmt.

So wie jetzt: "So geht das nicht", winkt der Chorleiter mit beiden Händen ab. Er hört genau, wer nicht konzentriert mitsingt, wer den Ton nicht hält, sich zu schnell oder zu langsam durch das Notenblatt arbeitet. Ungenauigkeiten, Unklares, Nachlässigkeit – beim Chorgesang gibt es dafür bei Frank Satzky wenig Toleranz. Einen musikalischen Pedanten nennen ihn dafür manchmal Eingeweihte und meinen das wie eine Ehrenbezeichnung.

Als Frank Satzky den Magdeburger Knabenchor vor 25 Jahren mit viel Enthusiasmus gründete, ahnte er nicht, welche Entwicklungen er in einem Vierteljahrhundert so mitmachen würde. Immer wieder gab es Situationen, wo nicht eindeutig klar war, welche Perspektive der Chor haben würde. Schließlich ist eine Vielzahl von Kosten damit verbunden. Das fängt bei der musikalischen Ausbildung der Sänger an, geht über die einheitliche Chorkleidung, (die stimmbildnerische Ausbildung der Jungen), die Organisation der Probenarbeit, von Konzerten, Reisen, CD-Aufnahmen, Chorlagern bis zur Teilnahme an großen Chorwettbewerben.

Die Eltern helfen mit

Es ist fast nicht zu glauben, dass dies alles in dem kleinen Chorbüro im Haus für junge Kunst am Thiemplatz in Buckau über den Schreibtisch geht. Und mit der Organisation allein ist es nicht getan. Alles muss ordentlich erfasst, abgerechnet, steuerlich berücksichtigt und nach den Regeln des Vereinsrechts verbucht sein.

Ohne den Vorstand des Magdeburger Knabenchores und seine ehrenamtlichen Helfer wäre das kaum zu schaffen. Und so haben sich im Laufe der Jahre aus dem gemeinsamen Miteinander von Verein und Chorleitung enge freundschaftliche Bindungen gebildet.

Da kommt es gar nicht mehr darauf an, ob man noch ein oder mehrere Kinder im Chor hat, auch Eltern, deren Sprösslinge längst in die Welt gezogen sind, fühlen sich dem Chor verbunden und helfen nach ihren Möglichkeiten. Seit einem Jahr sind nun alle Sänger des Magdeburger Knabenchores auch Schüler des Konservatoriums "Georg Philipp Telemann" – eine Verbindung, die beiden Seiten gut tut.

"Psst", wendet sich Frank Satzky den Kleinsten im Chor zu. Sie sind teilweise erst sechs Jahre alt, können natürlich noch nicht lesen. Sie müssen anders angesprochen, anders behandelt und anders motiviert werden als 16-Jährige. Während die Kleinen bis zur 2./3. Klasse zum Nachwuchschor gehören, bilden die Größeren den Auftrittschor, ergänzt durch den "Jungen Männerchor Magdeburg". Letztere sind dem Knabenalter entwachsen, wollten aber auf die Gemeinschaft des Chores nicht verzichten. Die Lösung war ein Chor junger Männer unter dem Dach des Magdeburger Knabenchores.

Als das "Schluss für heute" des Chorleiters ertönt, wird aus den disziplinierten Sängern wieder eine bunte Gruppe von Jungen, die neben den Chorproben Fußball oder Hockey spielen, die alle munter durcheinanderreden, ihren Chorleiter umringen und unzählige Fragen an ihn haben. "Wann ist das nächste Konzert? Wo kann ich die zu klein gewordene Chorkleidung tauschen? Wohin geht die nächste Konzertreise?" Jede Frage wird beantwortet, der Reihe nach und in aller Ruhe.

Diese Ruhe und Gelassenheit wünschen die zahlreichen Anhänger Frank Satzky und seinem "Magdeburger Knabenchor" auch die nächsten 25 Jahre, um mit Optimismus und Fleiß wie zum Jubiläumskonzert am 4. Juni in der Pauluskirche auch künftig die Zuhörer zu begeistern.