Halle l Das Landeskunstmuseum in Halle verliert die Privatsammlung Gerlinger, doch Kritik am Museum oder Trauer über den Verlust gibt es nicht. Diesen Eindruck muss man jedenfalls haben, fragt man bei Politikern und Kunstinstitutionen nach. Kulturminister Rainer Robra lässt über seinen Sprecher ausrichten, man sei gesprächsbereit, „wenn Herr Gerlinger das wünsche“. Für weiterführende Fragen stehe der Minister nicht zur Verfügung. „Er hat entschieden, sich dazu nicht zu äußern“, sagt Sprecher Daniel Mouratidis und erinnert daran, dass man Hermann Gerlinger schließlich „ein Museum für viele Millionen gebaut habe“. Wahrscheinlich meint er die dringend notwendige Museumserweiterung, für die nur Geld von Bund, Land und EU zur Verfügung stand, weil die Sammlung Gerlinger nach Halle kam.

Für die Museumserweiterung hatte sich auch Reiner Haseloff, damals Wirtschaftsminister, stark gemacht. Jetzt sagt Regierungssprecher Matthias Schuppe zur Haltung des Ministerpräsidenten Haseloff: „Das ist nicht sein Thema. Die Zuständigkeit liegt beim Kulturminister.“ Schuppe möchte auch keine weiteren Nachfragen, „sonst wird es ungemütlich“, wie er sagt.

Für Kunst- und Kunstgeschichtsstudenten ist das lokale Museum ein wichtiger Partner. Das betonen sowohl Kunstgeschichtsprofessor Olaf Peters von der Martin-Luther-Universität und Dieter Hofmann, Rektor der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Beide würdigen auf Nachfrage die Bedeutung der Sammlung und erklären, dass sie die Entscheidung einer einvernehmlichen Leihvertragsauflösung zwischen Museum und Sammler respektieren würden. Allerdings hat der Sammler dieser „einvernehmlichen“ Leihvertragsauflösung bereits heftig widersprochen. Er habe den Vertrag gelöst, weil eine Zeichnung von Karl Schmidt-Rottluff aus der Sammlung verschwunden ist.

Mittlerweile ermittelt das Fachkommissariat 3 der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd wegen des „Verdachts des Diebstahls“. Das Museum hatte am 10. November Strafanzeige gestellt. Vorerst sei die Zeichnung im polizeilichen Fahndungssystem ausgeschrieben, eine öffentliche Fahndung soll folgen, wenn Hermann Gerlinger dem zustimmt, so ein Polizeisprecher.

Über den Wert der Sammlung und den Wert einzelner Blätter ist laut Vertrag Stillschweigen vereinbart. Auch die Höhe der Schadenersatzzahlung an den Sammler wird von den Verantwortlichen nicht verraten. Sieht man sich aktuelle Auktionsergebnisse für Zeichnungen von Schmidt-Rottluff an, so liegen die häufig im fünfstelligen Bereich.

Nur der ehemalige Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz, der mit Gerlinger die Verträge schloss, wirbt für weitere Gespräche mit dem Sammler. Und die Stadt Halle will „zeitnah“ Gespräche mit dem Land „zur Entwicklung der Moritzburg“ führen. „Dabei spielt auch die Sammlung eine Rolle“, sagt Judith Marquardt, Beigeordnete für Kultur und Sport der Stadt Halle. Marquardt würdigt die Sammlung: „Sie hat das Museum der Stiftung Moritzburg zu einem Zentrum der Klassischen Moderne werden lassen.“

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass das Museum ohne die Sammlung Gerlinger kein Zentrum der Klassischen Moderne mehr ist. Bleibt die Frage, ob sich das eine Stadt, die 2025 Kulturhauptstadt werden möchte, leisten kann.