Berlin - Das Kollektiv von Archive arbeitet unermüdlich. Es scheint so, als wäre der Vorrat der Londoner an dem so unnachahmlichen Sound aus elektronisch versetztem Indie- und Progressive-Rock unerschöpflich.

"Restriction" (PIAS/Cooperative), das zehnte Album der Band liegt vor, das letzte, "Axiom", erschien erst vor wenigen Monaten. Das liegt nicht etwa daran, dass die Briten unter Produktionsdruck stehen, in Großbritannien sind sie auch nach 20 Jahren Bandgeschichte unangepasst wie eh und je. "Wir haben eine Menge zu sagen, wollten einfach noch lebendiger, noch offener, noch eindringlicher sein", sagt Soundtüftler Darius Keeler im dpa-Interview.

Auf "Restriction" bilden Archive symphonisch ab, wie sie gerade die Welt erleben. Das Album, produziert vom langjährigen Wegbegleiter Jerome Devoise, ist ein komplexer Soundkosmos. Zwölf individuelle, ganz unterschiedliche Songs, die sich auf etwa eine Stunde Musik verteilen. "Restriction" ist unbequem. Die Beats sind hart, kompromisslos und sachlich, untersetzt mit Störgeräuschen und Brüchen, es gibt kaum epische Ausschweifungen. "Wir haben die Möglichkeit, uns bei jeder Platte weiterzuentwickeln und unsere Fans auf die Reise mitzunehmen, einer der Gründe, warum ich Archive so liebe", beschreibt Darius Keeler die Arbeit an dem Album.

Mit "Feel it", lassen es Archive gleich richtig krachen. Drei Minuten punkiger Power-Pop mit grimmigen Gitarren. Kaum hat man sich beim etwas gefälligeren "Restriction" etwas erholt, verzerren sich in "Kids Corner" wuchtige Sounds zu einem wütenden Statement. Der Song handelt von einem Waffenladen für Kinder. Einmal mehr ist Holly Martin eine der wichtigsten Stimmen. Mal kindlich trotzig, mal rau und eindringlich, fast mahnend, glaubt man ihr das Gesungene aufs Wort. "Holly ist 23 Jahre alt, sie hat so eine frische Art und so gute Ideen. Wir haben die Erfahrung und sie die Energie, die Ideen umzusetzen", sagt der zweite Band-Barde Danny Griffith über die Jüngste.

"Ride In Squares" erzählt von Gentrifizierung und Hoffnungslosigkeit. Aber: Wie auf allen Archive-Alben gibt es auch Hoffnung, erzählen Songs von Versöhnung und Liebe und ihren verschiedenen Gesichtern. Und da das Archive-Kollektiv mit vier brillanten, ganz unterschiedlichen Stimmen aus dem Vollen schöpfen kann, schafft jeder eine ganz eigene Perspektive zu dem großen, ewigen Thema.

Wie unterschiedlich die Songs auf dem Album sind, zeigt die Release-Strategie der Band. Diesmal wurden gleich drei Singles gleichzeitig ausgekoppelt. "Das soll den Fans ein besseres Gefühl für den künstlerischen Umfang geben", sagt Soundteppichweber Darius Keeler. Und das Oeuvre ist inzwischen beträchtlich. Mit "Axiom" hatten sich die Musiker im letzten Jahr einen Wunsch erfüllt. Da viele ihrer Klangbilder auch etwas von einem Soundtrack haben, ließen Archive einen 40-minütigen Film dazu drehen. Wie man ahnen kann, kein kurzweiliger Unterhaltungsfilm, sondern ein düsterer Endzeit-Thriller. Den Film "Axiom" hat die Band mit im Gepäck, wenn sie auf Europa-Tour geht. Die Musiker wollen ihn zeigen, bevor sie das neue Album vorstellen.

"Restriction" wird polarisieren. Verlaufen in den "Industrial Minds" und zu wenig Harmoniebögen werden die Einen sagen, noch mehr davon wird es von Anderen heißen. Genau dazwischen bewegen sich Archive. "Wir erfüllen keine Erwartungen" sagt Bandoberhaupt Darius Keeler. "Und modern waren wir sowieso noch nie".

The Restriction Tour 2015: 27.02. Dortmund, 28.02. Bremen, 01.03. Hamburg, 03.03. Bielefeld, 04.03. Köln, 05.03. Frankfurt, 08.03. Wien, 20.03. Erlangen, 21.03. Karlsruhe, 22.03. München, 23.03. Leipzig, 24.03. Berlin