Berlin - Es gibt gar nicht so wenige Rock-Experten, die dem Bandprojekt The Waterboys vor 30 Jahren einen ähnlichen Erfolgsweg wie den irischen Kollegen U2 zutrauten.

Aber in seinem Künstlerleben lief es für den schottischen Sänger Mike Scott und seine wechselnden Begleitmusiker seither nicht immer glatt, und so wurde dann halt nichts aus der Weltkarriere.

Dafür haben The Waterboys heutzutage immerhin auch keinen Riesenärger wie U2 wegen ihrer Zwangsbeglückung mit einem Mega-Album via Apple. Stattdessen freut sich eine solide, begeisterungsfähige Fangemeinde auf jede neue Waterboys-Platte.

Auch das aktuelle Werk "Modern Blues" rechtfertigt wieder den Hype. Es ist ein Album voller Kraft und Frische, mit starken Melodien, eindrücklichen Texten und einem 56-jährigen Frontmann, der vor Sing- und Spielfreude nur so sprüht. Nach dem ambitionierten, etwas blutleeren Vorgänger "An Appointment With Mr. Yeats" (2011), auf dem sich Scott 14 Gedichte des berühmten irischen Schriftstellers William Butler Yeats (1865-1939) vorgenommen hatte, markiert "Modern Blues" die Rückkehr zu den Waterboys-Wurzeln.

Mit drei Platten hatte die nach einer Textzeile von Lou Reed benannte Band zwischen 1983 und 1985 schönste Hoffnungen geweckt. The Waterboys führten damals Post-Punk, keltischen Folk, Gospel und klassischen Rock\'n\'Roll mit Wucht und Pathos zu ihrer ganz eigenen "Big Music" (einer ihrer Songtitel) zusammen - als hätten Van Morrison, Bob Dylan und Bruce Springsteen eine Supergruppe gebildet.

Stärker der Folk-Tradition verpflichtete Alben wie "Fisherman\'s Blues" (1988) und "Room To Roam" (1990) hatten ebenfalls großen Erfolg bei der Popkritik und erreichten hohe Charts-Platzierungen. Danach verlor Scott den Faden - einzelne Solo- und Bandalben konnten zwar durchaus überzeugen, aber der Schwung der ersten Waterboys-Dekade war dahin.

Heute sagt der Sänger, Gitarrist und Pianist dem "Rolling Stone" auf die Frage, ob er nicht selbst so viel Erfolg wie die Konkurrenzbands U2 oder Simple Minds verdient hätte: "Ich gönne jedem seinen Erfolg." Scott hält sich also nicht lange damit auf, verpassten Chancen nachzutrauern.

In Nashville/Tennessee spielte er neun Songs ein, die so feurig klingen wie die der jungen Schotten-Band von Mitte/Ende der 80er. "Ich habe so viele Alben in Großbritannien und Irland gemacht, ich wollte diesmal etwas anderes probieren", und schließlich sei Nashville "praktisch auf Musik gebaut", sagt der inzwischen in New York lebende Waterboys-Boss zur Begründung seines Schritts über den großen Teich.

So veredelt Pianist Paul Brown aus Memphis die prachtvolle Ballade "November Tale" und das bluesige "Still A Freak", auch der mächtige Bass des Südstaaten-Soul-Mannes David Hood prägt das neue Album. Scott freut sich über seinen Bandbesetzungs-Coup: "Er und Paul hatten einen großen Einfluss auf den Sound."

Für Fans fast noch wichtiger: dass auch Steve Wickham wieder dabei ist, der schon fast legendäre Waterboys-Geiger aus den Glanzzeiten. "Zwischen uns gibt es eine Art von Verbindung, etwas Unzerstörbares, das ich in meinem Leben sehr selten gefunden habe", sagt Scott über seinen alten Musikerfreund.

Der treibende Opener "Destinies Entwined" mit fetter Orgel, die epische Soul-Story "I Can See Elvis" (mit Namedropping von Charlie Parker über Keith Moon und John Lennon bis Marvin Gaye), die feine Hymne "The Girl Who Slept For Scotland" - allesamt Lieder, auf die die gealterten Waterboys anno 2015 stolz sein können. Damit sind Scott und Co zwar auch im vierten Jahrzehnt dieser großen Rockband keine Megastars, aber dafür mehr denn je "auf einer Ebene mit den Fans", wie man es sich von Beginn an gewünscht hatte.