Berlin - Egal welches Saxofon er in die Hand nimmt - Tenor, Sopran oder Bariton - Dayna Stephens spielt Balladen so klar und rein, als ob es keine andere musikalische Wahrheit gibt.

"Peace" ist die fünfte Veröffentlichung für den US-Amerikaner als Bandleader. Die Idee, ein reines Balladen-Album zu machen, kam von Produzent Matt Pierson. Er schlug dafür dem 36-Jährigen eine ganze Reihe von Songs vor. Elf davon finden sich auf der aktuellen Scheibe wieder.

Stephens weiß genau, wie er Melodien führen muss, um seinen eigenen Stil zu vermitteln und gleichzeitig Raum zu lassen für Erinnerungen an die ganz großen Balladenspieler wie Dexter Gordon, Lester Young oder Ben Webster. Unterstützt wird er von echten Profis: Brad Mehldau am Klavier, Gitarrist Julian Lage, Larry Grenadier am Bass und Eric Harland (Schlagzeug).

"Peace" besteht aus meist klassischen Jazz-Standards. Auch Filmmusik gehört dazu, wie die beiden Ennio-Morricone-Songs "Deborahs Theme" und "Brothers". Beide Titel hatte Morricone in den 80er Jahren für Filme mit Robert De Niro geschrieben ("Once Upon A Time In America" und "The Mission"). Der Opener und Titelsong "Peace" (Horace Silver) besticht durch lyrische Präzision. Verfeinert wird das Stück durch ein warmes und erdiges Mehldau-Solo. "I Left My Heart In San Francisco" intoniert Stephens sauber wie ein Sänger.

Emotional, aber ohne Schnörkel klingt die lateinamerikanische Nummer "Zingaro" von Antonio Carlos Jobim. Den Tango "Oblivion" von Astor Piazzolla präsentieren die Musiker zufrieden und langsam, Gitarrist Lage wirft dazu ein bezauberndes Gitarrensolo ein. In "Body and Soul" entstehen keine Lücken trotz sparsamem Spiels und "The Duke" kommt auch wunderbar ohne Klavier aus, obwohl es Pianist Dave Brubeck einst dafür geschrieben hatte.

Stephens Spiel strahlt Reife und innerer Ruhe aus. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Stephens ist schwer krank. Er leidet seit Jahren unter der seltenen Nierenkrankheit FSGS (Fokal segmentale Glomerulosklerose), die, einfach ausgedrückt, Zellen der Niere nach und nach zerstört. Der 36-Jährige braucht dringend eine neue Niere. Bis es soweit ist, muss er drei Mal pro Woche zur Dialyse gehen und Medikamente nehmen. Um die Finanzierung für die Behandlung zu sichern, hat die Jazz Foundation of America einen Spendenfond für ihn eingerichtet. In regelmäßigen Abständen veranstaltet die Organisation www.helpdaynastephens.org Benefizkonzerte für und auch mit Dayna Stephens.

100 Prozent der Erlöse gehen an den Musiker, dessen Behandlung im Monat rund 4 000 Euro kostet. Seit fünf Jahren wartet der Musiker nun schon auf ein Spenderorgan, wie er im Interview mit "The Jazz Gallery" erzählt. "Ich bin Nummer 20 oder so auf der Liste." Es könne also sein, dass er demnächst einen Anruf bekomme und die Ärzte ihm eine Transplantation ermöglichen. Das wäre schlecht für anstehende Gigs, die er dann spontan canceln müsste, "aber wirklich toll für mein Leben", so Stephens.

"Peace" (Sunnyside Records) ist ein kultiviertes Jazzballaden-Album. Dayna Stephens präsentiert darauf reine und unverfälschte Musik. Der schwerkranke Saxofonist hat es den jüngst verstorbenen Jazzgrößen Charlie Haden, Horace Silver und Dwayne Burno gewidmet.