Magdeburg l Anton Zetterholm hatte großen Respekt vor der Tony-Rolle. Der Schwede, der mit jungen 30 Jahren schon eine bemerkenswerte Musical-Vita aufweisen kann, hat von der Hauptrolle der Hauptrollen gesprochen. Nicht nur des gesanglichen Anspruchs wegen. Der Tony, der die Maria liebt, der ins Kampf-Getriebe der verfeindeten Banden von Einheimischen und Puertoricanern gerät, ist auch schauspielerisch gefragt. Zetterholm dominiert den Abend. Er und Iréna Flury als Maria, beide zart von Statur, singen mit starken Stimmen und spielen mit großer Empathie und Harmonie. Sie wirken sehr authentisch als Liebespaar, das über die Grenzen von Feinden hinweg sich gegenseitig Liebe beschwört.

Drehbühne schafft Bühnenraum

Sie beide sind zu Hause in New York. Es sind die 1950er Jahre, als es im wahren Leben der Großstadt Straßenkämpfe gab und sich im fiktiven Musical der polnisch-amerikanische Tony und das puertoricanische Mädchen Maria begegnen. Bühnenbildner Jens Kilian hat dieses Manhattan atmosphärisch sehr stimmig erschaffen mit braun verklinkerten Hochhäusern und ihren typischen Feuertreppen. Zwischendrin die Drehbühne, die sehr fix neue Spielorte schafft: Brautladen, Tankstelle, Toilette, Werkstatt. Ölfässer stehen herum, ein Autowrack qualmt.

Ami-Schlitten zwischen Hochhäusern

Hier, mitten auf den Straßen von New York, spielt sich das Leben der beiden rivalisierenden Gangs ab, machen ihre auf Krawall gebürsteten Mitglieder die Mädchen an, tanzen, schnipsen mit den Fingern und protzen mit ihren dicken Ami-Schlitten.

Bilder

Dynamische Tanzszenen

Wie das Bühnenbild schlagartig wechselt, wechseln die kompakten, dynamischen Tanzszenen, ebenso die Rhythmen zwischen Jazz, Oper und Latin, zwischen getrieben und wild, sanft und innig. Das Bernstein-Sondheim-Robbins-Musical, angelehnt an Shakespeares Romeo und Julia, lebt vom Tanz, von den großartigen Songs. „Maria“, „Tonight“, „America“ – weltbekannt. Das Theater, das neben seinem Ensemble auf junge Gäste mit individuellen Charakteren setzt, hat gut gecastet. Auch Typen und Alter passen. Das vielköpfige Team harmoniert.

Die Jets sind cool, in Jeans, Shirts und Lederjacken. Kämpferisch die Sharks-Männer mit Haifischaufnähern auf den Westen und ihren feurigen Frauen, die mit Pink-Rot-Grün-Kleidern Farbe ins triste Leben bringen.

Voller Sehnsüchte

In diesem New York wird jede Menge gehofft. Nicht nur Maria und ihr Tony haben Sehnsüchte und spielen in der wunderschön umgesetzten Szene vor dem Brautwarengeschäft mit seinen Anziehpuppen schon einmal liebesgetrieben den Schwiegerelternbesuch und das Hand-Anhalten durch. So große Träume! Maria will wie auch ihre Landsleute ankommen in einem neuen Land, in einem besseren Leben.

Das Leben auf der Straße aber ist brutal. Man bekämpft sich bis zum Tod – bis Tony erschossen wird und das nette, verliebte Mädchen Maria eine Pistole in der Hand hält und droht: „Ich kann jetzt töten, weil ich hasse.“

Regisseur Gil Mehmert setzt auf Zeitlosigkeit. Das New York der 50er Jahre, das überlagert wurde von ethnischen Spannungen, und die Fragen um Versöhnung, Toleranz und weniger Hass sind mehr denn je im Heute. Die Hoffnung auf ein gewaltfreies Miteinander ist groß, sie beseelt das ganze Stück.

Symbolträchtig ist das riesige Plakat auf der Bühne, hinter der die Magdeburgische Philharmonie nicht sichtbar, aber sehr zentral die so verschiedenen Musikstile vereint. Auf dem Plakat führt eine Straße geradeaus ins Irgendwo. „Somewhere“ steht geschrieben und erklingt.

Ja, irgendwo dort gibt es wohl eine Welt, die anders ist, eine Welt, in der sich die Träume treffen können.

Das ist großes, gefühlsbetontes Musiktheater.

Gespielt wird auf dem Domplatz bis zum 9. Juli, Beginn ist jeweils um 21 Uhr.