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  • 16. Mai 2012



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Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena" feiert am Magdeburger Schauspielhaus Premiere


Und trotzdem bleibt die Stille: Vom Versuch, dem Überdruss zu entkommen

17.10.2011 05:28 Uhr |


Von Gisela Begrich


Alexander Absenger und Julia Schubert stehen in Magdeburg als "Leonce und Lena" auf der Bühne.

Alexander Absenger und Julia Schubert stehen in Magdeburg als "Leonce und Lena" auf der Bühne. | Foto: Schauspielhaus Alexander Absenger und Julia Schubert stehen in Magdeburg als "Leonce und Lena" auf der Bühne. | Foto: Schauspielhaus

Regiesseurin Susanne Chrudina inszeniert die Mattigkeit des Daseins - und schafft gekonnte Assoziationen zur deutschen Demokratie 2011.

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Magdeburg l Die Besucher nehmen während eines Percussion-Solos Platz, einer Orgie akustischen Schlagens. Leonce tritt auf und beendet das Geräusch mit einer Geste. So beginnt die Premiere von "Leonce und Lena" von Georg Büchner im Schauspielhaus Magdeburg: mit Stille.

Regisseurin Susanne Chrudina präsentiert eine stringente Inszenierung, die eine klare übersichtliche Geschichte erzählt. Mehrere Figuren bei Büchner fasst sie ohne Verlust in der des Zeremonienmeisters (Konstantin Marsch) zusammen. Zugleich sucht sie immer wieder Bilder, die aber mitunter in der Illustration hängen bleiben, um mehr als nur den Plot zu veranschaulichen. Verantwortlich für die Dramaturgie ist Dag Kemser.

Stille steht für Stillstand

Die auf den Punkt eingesetzte Stille des Anfangs wahrt der Abend als Abwesenheit von Lautstärke und Radau nahezu die gesamten 90 Minuten. Sie steht für den Stillstand einer Gesellschaft ohne Visionen. In verhaltenem Ton lässt Susanne Chrudina die jugendlichen Protagonisten Ausschau halten nach Ausbruch aus Überdruss und Langeweile. Julia Schubert als Lena frönt eher der Melancholie, und Alexander Absenger als Leonce schwelgt eher im intellektuellen Sarkasmus als im aggressiven Exzess.

Gefühlte Sinnlosigkeit

Jeremias Koschorz als Diener Valerio, eine Mischung aus Shakespearischem Narren und Commedia del Arte-Figur, der geistige Dispute lieber gegen gutes Essen eintauscht und Würste auch gerne mal zum Mikrofon umfunktioniert, sucht Leonce aufzuhellen: komödiantische Spielastik unterbricht den Ablauf einer gefühlten Sinnlosigkeit. Kein Erfolg!

Nicht anders geht es Rosetta (Luise Audersch), die mit frappanter Körperlichkeit der toten Beziehung zu Leonce Leben einhauchen will. Im Aussehen (Kostüme: Simone Wildt) wirkt sie wie ein Double von Lena. Ist das ein Fingerzeig, dass die Liebe von Leonce und Lena im Überdruss endet wie jene mit Rosetta, oder heißt das, Äußerlichkeiten entscheiden gerade nicht?

Lenas Zuflucht vor der Tristesse bildet die Gouvernante. Iris Albrecht stellt sie wirkungsvoll gekonnt als eine Frau dar, die gar nicht so recht in die Jungendfraktion passt, aber darin zurechtkommt. König Popo, von Bernd Vorphal unangestrengt und sehr überzeugend dargestellt, liebenswürdig und an der Grenze zur Altersdemenz, kann nur noch von hier bis an die Wand denken. Die Krone ist schon nur noch aus Pappe!

Diese Mattigkeit des Daseins, die sich freilich auch hier und da als Langeweile in die Inszenierung drängt, lädt die Regisseurin substantiell auf mit einer Sentenz aus einem Büchner-Brief von 1833: "Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es die Gewalt."

Das ist die Initialzündung für Lena, den Käfig ihres Lebens zu verlassen, und damit katapultiert sich assoziativ die Aufführung ganz unaufgeregt ins Heute: Gewalt liest sich als eine Chiffre zwischen Aufbegehren, Macht der Straße, brennenden Autos und Brandsätzen an Bahnanlagen. Liegt da die Lösung? Der Abend fragt nach der Befindlichkeit der deutschen Demokratie 2011.

Einsam, tatenlos, ratlos

Büchners Lustspiel dient nahezu seit dem Jahr seiner Uraufführung 1895 als Folie, Gegenwärtigkeit bloßzustellen. Die Regie schafft das am Schluss mit einer Pointe: Wenn Personen von der Realität eingeholt werden, der sie entfliehen wollten, geraten sie in eine Ratlosigkeit, die ihrem früheren Desinteresse die Krone aufsetzt. Quasi: Gestern mit dem Überlebens-Rucksack in Kenia, heute zum Überleben als Minister verdammt.

Und da endet alle bisherige Stille. Schrille Laute, Tempo, Getöse nehmen überhand. Und dann? Nach dem rauschhaften Versuch aller gegen alle sitzen Leonce und Lena allein. Nach dem Aufbruch unter die Weite des bestirnten Himmels (Bühne: Simone Wildt) hocken sie einsam, tatenlos, ratlos und statt in einem kleinen nun in einem großen Käfig. Ende gleich Anfang: Stille, Stillstand.



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Dokumenten Information
Copyright © Volksstimme 2012
Dokument erstellt am 2011-10-17 05:28:27
Letzte Änderung am 2011-10-17 05:28:27


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