Unser Leser Günter Kohl aus Magdeburg hatte mit seiner Vermutung recht: Die Volksstimme war unter die Propheten gegangen – wenn auch eher unfreiwillig. Ein Prophet ist bekanntlich jemand, der meint, er könne die Zukunft vorhersehen, und der kraft dessen zukünftige Ereignisse bestimmt. Natürlich ist es keine Kunst, etwas zu prophezeien, das ohnehin am nächsten Tag in Erfüllung gehen wird. Insofern hält sich unsere prophetische Leistung in Grenzen. Die bestand nämlich darin, Frank-Walter Steinmeier vorzeitig als Bundespräsident „verkauft“ zu haben.

Und das geschah so: Am Tag vor der Wahl, also in der Sonnabendausgabe vom 11. Februar, veröffentlichten wir auf unserer „Seite Drei“ die „Ahnengalerie“ vom Schloss Bellevue. Da schauten sie also aus dem Blatt, die Herren Bundespräsidenten Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Johannes Rau, Horst Köhler, Christian Wulff, Joachim Gauck und – wieder ein Mann – Frank-Walter Steinmeier. Wie gesagt, da war der Letztgenannte noch nicht gewählt.

Deshalb wäre es korrekt gewesen, zu schreiben: „Voraussichtlich Frank-Walter Steinmeier (SPD) ab 2017“. Dieses nicht getan zu haben, scheint mir insofern verständlich und vielleicht sogar verzeihlich, als die großkoalitionären Wahlabsprachen ja gar keinen anderen Ausgang der Abstimmung zuließen. Die ironische Anmerkung unseres Lesers zu der ungenauen Bildunterschrift erinnert uns indes, wie sehr es in der Berichterstattung auf Feinheiten ankommt.

Nicht zutreffend war aber seine alternative Vermutung, dass wir schlicht unseren „Lieblingskandidaten“ auf den Schild heben wollten. Steinmeier sei schließlich nicht der einzige Kandidat gewesen, merkte er an. Und genau deshalb hatten wir auf jener Seite zur Bundespräsidentenwahl ja auch alle fünf Kandidaten mit Foto und Kurzporträt vorgestellt.

Im Übrigen wäre die Bildkombination mit selbigem Text auch am Tag danach nicht richtiger gewesen. Da war Steinmeier zwar gewählt, aber weil er noch nicht im Amt ist, wäre die Aufnahme in die „Ahnengalerie“ weiter „prophetisch“ gewesen.