Burg l „Ich freue mich, dass es nach langem Hin und Her zu dieser Tafel gekommen ist“, sagte Volkmar Jenig. „Es ist ein wichtiger Schritt in die Öffentlichkeit. Es ist wichtig für Burg. Wir wollen das Bild ändern. Die hier einsaßen, waren keine Kriminellen.“

Der Leipziger war von 1968 bis 1971 im Jugendwerkhof Burg. Seit zwei Jahren hat er die Organisation von Ehemaligen-Treffen in Burg übernommen.

Überlegungen seit 1995

Schon seit etwa 1995 habe es im Corneliuswerk Überlegungen gegeben, die Geschichte des Gutes aufzuarbeiten, erinnerte sich dessen Geschäftsführer Stefan Böhme. Zunächst sei das ehrenamtlich geschehen. Große Verdienste habe dabei Jürgen Müller, der eine Chronik erarbeitete. Seit einem Jahr sei in Zusammenarbeit mit der Dachstiftung Diakonie in Hannover wissenschaftlich an einer Erinnerungstafel gearbeitet worden.

Bilder

Für deren Inhalt hatte maßgeblich Dr. Steffen Meyer die Geschichte des Gutes untersucht. Über die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme hinweg hätte in Burg seit 1913 bis in die 1980er, teils 1990er Jahre die Erziehungsarbeit „ein Menschenbild geprägt, das auf Arbeit ausgerichtet war und das Gewalt in der Erziehung als legitim ansah“, betonte Dr. Meyer. Das betraf die Kaiserzeit und Weimarer Republik ebenso wie die NS- und DDR-Zeit. In der NS-Zeit sei eine paramilitärische Erziehung dazu gekommen. Es habe damals nachweislich Zwangssterilisationen gegeben.

Jugendwerkhof Burg - Eine Zeitreise

Burg (ta) l Der ehemalige Jugendwerkhof Burg war der größte Jugendwerkhof in der DDR. Untergebracht waren hier ständig etwa 300 Jungendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Auf Gut Lüben in Burg, wo der Jugendwerkhof untergebracht war, scheint die Zeit stehen geblieben.

  • Eine Luftaufnahme des Gut Lüben von 1939. Hier war zu DDR-Zeiten der Jugendwerkhof August-Bebel untergebracht. Quelle: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Rep. C201, Nr. 3992

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  • Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: ...

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wird auf die Zeit vorm Zweiten Weltkrieg. Später war in dieser Einrichtung der größte Jugendwerkhof der DDR untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahm...

  • Die Küche des ehemaligen Jugendwerkhofes Burg ist noch erhalten. Erst vor kurzem wurde das Mobiliar ausgeräumt. Foto: Tanja Andrys

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  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle...

  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja Andrys

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja...

  • Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa Ende der 1950er Jahre. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa En...

  • Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansonsten ist der Raum leergeräumt. Foto: Tanja Andrys

    Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansons...

  • In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke noch erhalten - und benutzbar. Foto: Tanja Andrys

    In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke ...

  • In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vorhanden. Foto: Tanja Andrys

    In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vor...

  • Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den Kellern der Wohnheime untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den ...

  • Eine Arrestzelle im Haus

    Eine Arrestzelle im Haus "Anne Frank" im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wir die Aufnahme zwischen 1939 und 1945. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datu...

  • Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkh...

  • Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-We...

  • Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonisch...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme auf Anfang 50er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist aus der Landeserziehungsanstalt Gut Lüben bereits der größte Jugendwerkhof der DDR entstanden. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme au...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte au...

  • Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehe...

  • Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewerb:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewe...

  • Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus

    Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: T...

  • Ein Luftschutzbunker im Haus

    Ein Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • 2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Cornelius-Werk Burg angesiedelt. Foto: Eroll Popova

    2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Corne...
    Quelle: Tanja Anrdrys

  • Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs

    Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs "August Bebel" haben unter anderem im Burger Knäckewerk gearbe...

Von 1945 bis 1948 hätte hier die Rote Armee Lazarett und TBC-Station betrieben. Parallel seien auf dem Gelände Jugendliche untergebracht gewesen. „Das ist einzigartig in der Geschichte dieser Einrichtungen“, so der Wissenschaftler.

Billige Arbeitskräfte

In der DDR hätte es zunächst „noch pädagogische Ideale“ für eine Ausrichtung auf Erziehung und Berufsausbildung gegeben. Zunehmend seien die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren aber systematisch als billige Arbeitskräfte eingesetzt worden, um das Soll in der Wirtschaftsproduktion hiesiger Betriebe erfüllen zu können. „Heute geht Jugendhilfe ganz anders, weil sich das Menschenbild geändert hat“, hob Dr. Meyer hervor.

Als ein „wichtiges Stück Erinnerungskultur für unsere Stadt“ hat Burger Bürgermeister Jörg Rehbaum (SPD) die Aufarbeitung der Geschichte von Gut Lüben und die Erinnerungstafel bezeichnet. Bei einem Treffen mit der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, und Landrat Steffen Burchhardt (SPD) sei man sich über die Bedeutung dieser Aufarbeitung einig gewesen.

Von Anfang bis Ende

„Es geht einem sehr nahe“, sagte Rehbaum mit Blick auf die Gespräche mit ehemaligen Insassen des Jugendwerkhofes Burg. Er war einer von über 30 und der größte seiner Art in der DDR. An deren jüngstem Treffen hatte er Anfang des Monats erstmals teilgenommen.

„Wichtig für mich ist, dass die Geschichte des Gutes von Anfang bis Ende erzählt wird“, betonte Rehbaum. Er sei dem Corneliuswerk „sehr dankbar, wie hier heute im Gegensatz zu früher junge Menschen ins Leben begleitet werden“.