Burg/Genthin l Der Lehrermangel ist Dauerthema an Sachsen-Anhalts Schulen. „Die siebenprozentige Kürzung in der Unterrichtsversorgung entspricht in der Summe landesweit 250 Lehrerstellen“, sagt Ingo Doßmann. Der Grundschulleiter aus Genthin ist im Jerichower Land Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Initiator einer öffentlichen Erklärung von Grundschulleitern im Norden Sachsen-Anhalts zwischen Harz und Westaltmark. Doßmann sagt: „Mit dieser Kürzung fällt das verfügbare Arbeitsvolumen der Lehrkräfte auf das Niveau des Jahres 2000 zurück, also vor der Einführung der Grundschule mit verlässlichen Öffnungszeiten.“

Sich selbst überlassen

Ende Mai will Doßmann diese Erklärung mit den Unterschriften der unterzeichnenden Schulleiter an Bildungsminister Tullner übergeben. Unter anderem bezieht sich die heftige Reaktion der Lehrer auf ein Volksstimme-Interview mit Tullner vom 23. März. Darin erklärte der Minister eine Grundschule in Wernigerode, die wegen Lehrermangels drei Tages geschlossen wurde, zum Einzelfall. Das bestreitet Ingo Doßmann mit Beispielen aus dem Jerichower Land: „An der Sekundarschule in Brettin mussten mehrere Klassen nach Hause geschickt werden. In Möckern und Burg mussten die Grundschulen wochenlang ohne pädagogische Mitarbeiter auskommen.“ Gewerkschafter und Schulleiter Doßmann greift Tullner direkt an: „Er bombardiert das System durch Entzug.“

In der öffentlichen Erklärung der Schulleiter heißt es: „Durch die Kürzungen der Lehrerstunden und die Reduzierung der pädagogischen Mitarbeiter erhöht sich die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte auf ein nicht mehr zu bewältigendes Maß. Der Unterrichtsausfall hat sich in den vergangenen fünf Jahren stetig erhöht.“ Und: „Die ständig steigenden Anforderungen führen dazu, dass immer mehr Lehrkräfte erkranken und dann vorzeitig aus dem Schuldienst ausscheiden.“

Die Lehrer kommen in ihrer Erklärung zu dem Schluss, dass „die Grundschule mit verlässlicher Öffnungszeit zu einem bloßen Betreuungsangebot verkommt, weil es an den Lehrerwochenstunden fehlt, um pädagogische Angebote organisieren zu können.“

Langfristig planen

Bildungsminister Tullner gibt im oben genannten Volksstimme-Interview zu: „Im Moment haben wir durch die starken Altersabgänge eine große Not an Lehrern.“ Jedoch erklärte er auch: „Wir müssen langfristig gesehen aufpassen, dass wir uns in der Zukunft nicht den nächsten Lehrerüberhang organisieren.“ Tullner sprach von 600 bis 800 Lehrern, die jährlich vom Land eingestellt werden sollen. „Dabei können wir jeden, der ausscheidet, ersetzen. Die Spannbreite kommt dadurch zustande, dass wir nicht wissen, wie viele Lehrer vor der Rente ausscheiden.“ Laut offiziellen Zahlen sind 2500 Lehrer älter als 60. Ab dem Jahr 2019 gehen jährlich 1000 Pädagogen in Rente.

Die Gewerkschaft GEW kritisiert: „Im Februar hat Herr Tullner in Aussicht gestellt, über die planmäßigen Altersabgänge hinaus noch zusätzliche Lehrkräfte einzustellen. Davon ist wenige Wochen später keine Rede mehr.“

Seit 15 Jahren gibt es die Grundschulen mit fester Öffnungszeit. Seinerzeit war diese Neuerung mit dem flächendeckenden Einsatz von einem pädagogischen Mitarbeiter pro 60 bis 80 Schüler verbunden. Ingo Doßmann: „Dieser Einsatz wird derzeit von der Landesregierung grundsätzlich in Frage gestellt. Es gibt jetzt schon Schulen, die komplett ohne diese Mitarbeiter auskommen müssen. Als Konsequenz daraus müssten wir eigentlich über die Abschaffung der verlässlichen Öffnungszeit diskutieren.“