Elbingerode/Halberstadt/Wernigerode l „Die Zahlen sind absurd falsch“, sagt Dr. Tom Schilling. Der Medizinische Direktor des Harzklinikums Dorothea Christiane Erxleben in Wernigerode ist entrüstet. Er bezeichnet den vom ARD-Magazin „Plusminus“ recherchierten Beitrag als „Kampagne“.

Die Urheber hätten mangelnden Sachverstand walten lassen, denn es gebe deutliche Hinweise auf Ungereimtheiten. Wo die in der Auflistung für Wernigerode monierten Nullen bei Hygienebeauftragten Ärzten beziehungsweise Pflegern herstammten, sei „nebulös“. Schilling: „Wir wären schon lange nicht mehr in Betrieb, wenn das stimmen würde.“ Dafür gebe es strenge gesetzliche Regelungen. Zudem unterliege das Haus der Aufsicht von Überwachungsbehörden.

Der 50-Jährige listet auf: „Im Harzklinikum insgesamt gibt es einen ärztlichen Krankenhaushygieniker sowie vier Fachgesundheits- und Krankenpflegerinnen für Hygiene und Infektprävention.“ Am Standort Quedlinburg/Ballenstedt seien es acht Hygienebeauftragte Ärzte, die alle zuvor eine 40-stündige Fortbildung zu dieser Materie absolviert hatten. Dazu kämen 38 Hygienebeauftragte Pflegekräfte. Im Zuständigkeitsbereich Wernigerode/Blankenburg engagierten sich zehn Hygienebeauftragte Ärzte und 54 Hygienebeauftragte Pflegekräfte.

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Vor 2014 kein Nachweis notwendig

Dass die bei „Plusminus“ zitierten Qualitätsberichte von 2014 keine kompletten Angaben über die Anzahl der Hygieniker enthalte, habe einen simplen Grund. Der Direktor und Chefarzt des Zentrums für Innere Medizin: „2014 und davor mussten diese Kräfte nicht nachgewiesen werden.“

Tom Schilling räumt ein, dass es sich um ein schwieriges, weil sehr emotionales Thema handelt. Die hohen Standards von heute ließen sich mit denen von vor zehn Jahren nicht mehr vergleichen. Zum Problem der multiresistenten Erreger sagt der Experte: „Drei Prozent der Bevölkerung tragen diesen Keim in sich.“

Wer behaupte, bei einem Klinikum liege der Wert bei Null, der müsse sich sagen lassen, „das geht gar nicht“. Denn dann dürfte schlicht niemand behandelt werden. Der Direktor: „Es ist die Anmutung, die erzeugt wird, ein Krankenhaus ist ein Sündenpfuhl, in dem man sich etwas holt.“ Das sei grob fahrlässig und werde seit vielen Jahren falsch in der Öffentlichkeit wiederholt.

Dr. Matthias Holfeld ist seit 2013 hauptamtlich Ärztlicher Krankenhaushygieniker des Harzklinikums. Zuvor habe er diese Aufgabe zehn Jahre lang als Arzt wahrgenommen, berichtet der Chirurg. Der 47-Jährige: „Hygiene ist ein integraler Bestandteil. Sie findet immer statt.“ Und: „Die Patientensicherheit ist für uns das oberste Ziel.“ Er und sein Team hätten dafür eine ganze Palette von Aufgaben zu erfüllen.

Lückenlose Überwachung

Holfeld: „Wir haben täglich ein Auge auf das Infektionsgeschehen und beobachten, welche auftreten.“ Das korrekte Vorgehen auf den einzelnen Stationen werde lückenlos überwacht. Es gebe einen umfassenden Hygieneplan, in dem bis ins Detail alles geregelt sei und der permanent aktualisiert wird.

Zudem werde selbst aktiv nach neuen Erregern gesucht. Das Klinikum beteilige sich dabei auf freiwilliger Basis am bundesweiten Erfassungssystem, das in der Berliner Charité angesiedelt ist. Der Blankenburger: „Nur wenn ich weiß, was an meinem Krankenhaus passiert, kann ich die richtigen Vorkehrungen treffen.“

Um dies zu erfahren, werde in enger Kooperation mit dem Labor eine Statistik geführt. Das Team stelle sicher, dass die relevanten Geräte einwandfrei funktionieren, betreue Versorgung und Klimatechnik sowie Bauvorhaben im Klinikum. Zudem gebe es regelmäßige Schulungen für das Personal. Und, so Holfeld: „Wir haben eine Arbeitsgruppe, die ständig unsere Standards überprüft.“

Weniger MRSA-Patienten

Bundesweit sei die sogenannte Resistenzrate in den vergangenen zehn Jahren von 22 auf 17 Prozent zurückgegangen. Der Mediziner: „Wir bewegen uns im Trend.“ So habe sich beispielsweise die Zahl der in Wernigerode am gefährlichen Hospitalkeim MRSA erkrankten Patienten von 122 Fällen im Jahr 2014 auf 99 im Jahr 2015 verringert.

Auch der Halberstädter Klinikbetreiber Ameos weist die Vorwürfe zurück. Grundsätzlich erfüllten alle Ameos-Kliniken in Sachsen-Anhalt die bundesweit festgesetzten Hygienestandards personell und qualitativ vollständig, teilt Sprecherin Alexa von Dossow mit. Demnach gibt es in Halberstadt aktuell einen Krankenhaushygieniker, zwei Hygienefachkräfte, sieben Hygienebeauftragte Ärzte und 31 Hygienebeauftragte in der Pflege. Außerdem bilde Ameos weitere Mitarbeiter zu Hygienebeauftragten aus. An der letzten Schulung, die in dieser Woche endete, haben 21 Pflegekräfte teilgenommen.

"Patienten bringen Keime mit"

Bezüglich der Infektionen mit multiresistenten Keimen liege das Halberstädter Klinikum „deutlich unter dem Bundesdurchschnitt“, so Alexa von Dossow. Zudem verweist sie darauf, dass in 90 Prozent aller Fälle die Patienten die Keime mit in die Klinik bringen und nicht erst dort erwerben. Das größte Problem bei Infektionen seien antibiotikaresistente Erreger. Deshalb bilde der Klinikkonzern seine Ärzte zum verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika aus.

„Die fehlende Null stimmt nicht“, sagt Christian Wisch auf Volksstimme-Nachfrage. Nach Angaben des Klinikdirektors für das Diakonie-Krankenhaus Elbingerode sei der von „Plusminus“ kritisierte Wert in der Rubrik Hygienebeauftragter Pfleger schlicht nicht angegeben worden. Dabei habe jede der Stationen und darüber hinaus auch das zur Einrichtung gehörende Seniorenzentrum solch einen Experten. Erst kürzlich sei zudem das zuletzt nach verschärften Richtlinien vergebene Zertifikat ISO 9001/2015 verteidigt worden.

Aus Sicht von Wisch bilde die auszugsweise Auswertung von Statistiken das eigentliche Problem. Dabei werde sich keinesfalls darum bemüht, die untersuchten Daten nach der fachlichen Ausrichtung der einzelnen Häuser zu differenzieren. Der Klinikdirektor: „Wir brauchen uns nichts vorwerfen zu lassen.“

Tom Schilling zitiert übrigens aus einer ersten Reaktion der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Diese schätzt den Vorgang wie folgt ein: „Die jetzt vom ARD-Magazin ‚Plusminus‘ verbreiteten und von weiteren Medien übernommenen Daten sind fehlerhaft, so nicht in den Qualitätsberichten aufgeführt und stammen aus dem Jahr 2014, sind mithin veraltet“. Und: „Zudem werden dabei nicht die gesetzlichen Vorgaben zur Krankenhaushygiene zugrunde gelegt, sondern offenbar selbstgewählte Kriterien bewertet.“