Aufbau und Zusammenspiel im Rettungsdienst im Landkreis Harz

Aufgabe des Rettungsdienstes im Harzkreis sind die Versorgung, der Transport und die Verlegung von Patienten und akut verletzten Personen, beispielsweise Unfallopfern. Basis ist dafür der Eigenbetrieb Rettungsdienst, eine Tochter der Kreisverwaltung Harz.

Der Eigenbetrieb kooperiert in der Praxis mit den Hilfsorganisationen Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und den Maltesern.

Das Rettungsdienstgesetz gibt bei der Notfallrettung eine klare Rettungsfrist vor. In 95 Prozent aller Einsatzfälle muss binnen zwölf Minuten qualifiziertes Personal beim Patienten sein. Das muss mindestens ein Notfallsanitäter oder -Rettungsassistent sein, kann bei medizinischer Notwendigkeit aber auch ein Notarzt sein.

Um die Fristen im gesamten Kreisgebiet einzuhalten, sind insgesamt vier Notarzt-Einsatz-Fahrzeuge (NEF) im Einsatz. Neben einem Fahrzeug des DRK in Quedlinburg sind weitere NEF des Eigenbetriebs in Halberstadt, Wernigerode sowie in Blankenburg (tagsüber) und Hasselfelde (nachts) stationiert. Ergänzt wird das System mit einem Notarzt, der bei Bedarf mit dem Helikopter im Einsatz ist. Damit wird tagsüber vor allem im Oberharz agiert – bei Dunkelheit übernimmt dort ein NEF die Basisversorgung.

Die NEF agieren in Abstimmung mit den Rettungs-Transport-Wagen (RTW). Im gesamten Kreis sind insgesamt rund 20 RTW im Einsatz, die in sieben Rettungswachen des Eigenbetriebs – Halberstadt, Blankenburg, Wernigerode, Hasselfelde, Ermsleben sowie Badersleben und Elend – stationiert sind. Hinzu kommen Wachen des DRK in Osterwieck, Halberstadt und Quedlinburg. Die Malteser unterhalten Rettungswachen in Ballenstedt, Harzgerode und Eilenstedt. Der ASB komplettiert das System mit einer Wache in Thale.

Insgesamt sind kreisweit rund 180 Mitarbeiter im Fahrdienst eingesetzt, davon knapp 100 beim Eigenbetrieb Rettungsdienst. Laut Statistik des Eigenbetrieb absolvierten die RTW im Jahr 2016 insgesamt 25 848 Einsätze. Die vier NEF absolvierten im gleichen Zeitraum 7847 Einsätze. (dl)

Halberstadt l Wenn Mike Fromm aufs Gaspedal tritt, zeigt der gut 2,5 Tonnen schwere Ford-Ranger-Wildtrak, was unter der Motorhaube steckt. Die 3,2-Liter-Diesel-Maschine zieht dank ihrer fünf Zylinder an wie umgerechnet 200 Pferde – laut Papieren liegt die Motorleistung bei 147 Kilowatt. Und das ist gut so. Schließlich lenkt der 45-Jährige am Steuer kein gewöhnliches Auto, sondern einen sogenannten NEF. NEF steht für Notarzt-Einsatz-Fahrzeug. Soll heißen: In aller Regel sitzt ein Arzt auf dem Beifahrersitz, und der hat es auf dem Weg zum Patienten stets eilig.

Baukastenprinzip erstmals umgesetzt

Kürzlich haben Mike Fromm und seine Kollegen den bereits betagten Allrad-Volvo XC 60 gegen den Ford Ranger getauscht. Dem stellt der Rettungsassistent, der seit 22 Jahren dabei ist, mit Blick auf Fahrvermögen und technische Möglichkeiten Bestnoten aus. Die Robustheit des fahrenden Kraftpakets sei bei der Auswahlentscheidung für die Anschaffung ein wichtiges Kriterium gewesen, erklärt der für Ausschreibungen und Anschaffungen zuständige Mitarbeiter des Eigenbetriebs, Klaus Wöhrle. Nicht minder wichtig sei jedoch das Baukastenprinzips, das jetzt erstmals umgesetzt worden sei, so der 61-Jährige.

Was damit gemeint ist, wird beim Blick auf das rund 60.000 Euro teure Fahrzeug deutlich. Hinter der Fahrgastzelle mit bis zu fünf Plätzen ist – quasi huckepack – ein kastenförmiger Aufbau aufs Chassis gesetzt. Darin findet sich das gesamte medizinische Equipment – angefangen beim EKG-Gerät und Beatmungs- sowie Absaugtechnik über den Notfallrucksack bis hin zu Medikamenten, Verbrauchsmaterial und einem Injectomat zum exakten Dosieren von Spritzen. „Dieser Fahrzeugaufbau bringt uns gleich mehrere entscheidende Vorteile“, erklärt Wöhrle.

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Mehr Platz in der Fahrgastzelle

Vorteil Nummer eins: Im Volvo XC 60 – einem klassischen Fünftürer-Allrad-Pkw – wurde es spätestens eng, wenn neben Fahrer und Notarzt auch noch ein Assistenzarzt oder ein Lehrling mitfahren wollte. „Der saß dann hinten ein bissel eingequetscht zwischen dem ganzen medizinischen Gerät“, berichtet Klaus Wöhrle. Anders im neuen Ranger. Dort sind das medizinische Gerät im Kastenaufsatz und die Fahrgastzelle komplett voneinander getrennt. In letzter finden vier Personen bequem, und bei Bedarf sogar fünf, Platz.

Neben diesem Vorteil nennt Wöhrle einen weiteren: Da die Fahrzeuge im Alltagseinsatz extrem beansprucht werden und vergleichsweise schnell verschleißen, ist der Kastenaufbau bewusst darauf ausgelegt, auf das Chassis eines Nachfolge-Fahrzeugs gleichen Typs gewechselt zu werden.

Aufsetzcontainer kann gewechselt werden

„Unsere NEF laufen im Jahr mindestens 60.000 Kilometer und sind aufgrund der hohen Beanspruchung mit Vollgas beim kalten Motor und auf mitunter sehr schlechten Strecken nach drei bis vier Jahren bei Motor, Getrieben oder Achsen verschlissen. Der Aufsetzcontainer ist aus Aluminium und mit Folie beklebt. Wird er nicht unfallbedingt beschädigt, kann er nach der Ausmusterung des Fahrzeugs problemlos gewechselt und weitergenutzt werden“, beschreibt Wöhrle das Ansinnen.

Was letztlich erhebliche finanzielle Auswirkungen habe. Der Ford-Ranger-Wildtrak ist in der Basisausstattung für rund 40.000 Euro zu bekommen. Mit etwa 20.000 Euro schlage beim Erstkauf allein der Aufsetzcontainer zu Buche. „Wenn alles gut geht, können wir dieses Geld beim Kauf des nächsten Fahrzeugs sparen“, betont Kai-Uwe Lohse, Chef von Kreis-Leitstelle und dem Fahrdienst des Eigenbetriebs Rettungsdienst.

Komplettes Neufahrzeug ist 100.000 Euro wert

Das Container-Prinzip, das er in den USA erstmals gesehen habe, bringe noch andere Vorteile mit sich. „Aufgrund der schweren Medizintechnik waren wir früher immer an der Zuladungsgrenze, jetzt können wird rund eine Tonne zuladen.“ Jenes Gewicht lässt letztlich auch Rückschlüsse auf den Gesamtwert des nagelneuen Ford-NEF zu. Vollbestückt mit allem Medizingerät sei das Fahrzeug rund 100.000 Euro wert.

Doch was ist, wenn der Hersteller Ford in den kommenden Jahren seinen Ranger soweit modifiziert, dass der Container nicht mehr passt? Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass Hersteller gern bauliche Details ändern, um Kunden am Ende zum Neukauf von Komplettsystemen zu zwingen.

Spielraum dank Spezialrahmen

„Auch darauf sind wir eingestellt“, erklärt Kai-Uwe Lohse mit einem verschmitzten Lächeln. Der Container besitze einen ausgeklügelten Spezialbefestigungsrahmen, der die Anpassung an verschiedene Fahrzeuge ermögliche. „Im Prinzip kann er auf allen gängigen Pick-ups montiert werden“, so Lohse mit Blick auf die Kleinlastwagen mit Pritsche, die allgemein als Pick-ups bezeichnet werden.