Halberstadt l Seit fünf Jahren gibt es „Ansichtssache“, das vom Halberstädter Aus- und Weiterbildungszentrum (AWZ) getragene Theater- und Aktivierungsprojekt für junge Erwachsene. Doch wenn am 11. Mai elf junge Menschen aus dem Harz zur Premiere bitten, ist einiges anders. Standen in den Vorjahren Klassiker von Shakespeare, Ibsen und sogar Aristophanes auf dem Spielplan, ist es nun mit „Clockwork Orange“ ein Stück aus den frühen 1960er Jahren.

Noch ungewöhnlicher aber ist der Aufführungsort. Nicht ins Burchardikloster werden die Premierengäste gebeten, sondern in eine Ruine, die ehemalige Badeanstalt in der Bödcherstraße. „Ein vergessener Ort“, nennt Regisseur und Theaterpädagoge Sebastian Schachtschneider die Spielstätte und schlägt gleich noch den Bogen zum aktuellen Projekt: Menschen, die einmal in die Hartz-IV-Sicherung gerutscht seien, kämen dort nur schwer wieder heraus. Ähnlich das Bad: „Es steht leer, keiner braucht es.“

Chance für Langzeitarbeitslose

Das Projekt „Ansichtssache“, das vom AWZ organisiert und von der Kommunalen Beschäftigungsagentur (KoBa) finanziert wird, will dafür sorgen, dass es den jungen Menschen nicht ebenso ergeht. Das insgesamt acht Monate dauernde Projekt richtet sich an langzeitarbeitslose junge Menschen bis 30 Jahre, die es aus den verschiedensten Gründen schwer haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Genau das soll sich durch das Vorhaben ändern. Während der ersten sechs Monate des Projekts erarbeiten die Jugendlichen ein Theaterstück bis zur Aufführungsreife.

Parallel dazu absolvieren die Teilnehmer im Rahmen des Projekts ein Berufswegtraining. Schließlich ist das Projekt mit der Theaterpremiere am 11. Mai noch lange nicht beendet. Es schließen sich noch zwei Monate eines Betriebspraktikums an, das im besten Fall sogar in einer Ausbildung oder festen Anstellung münden kann.

Das AWZ-Projekt ist eine gute Vorbereitung darauf. Selbst wenn die jungen Harzer keine Schauspielkarriere anstreben: Das gemeinsame Erarbeiten eines Stückes, die Selbstdisziplin beim Proben und die für eine Aufführung nötige Teamarbeit bereiten durchaus aufs Berufsleben vor.

Vorbereitung für Berufsleben

In den vergangenen Jahren haben die Teilnehmer selbst ihre Kostüme geschneidert und die Theaterkulissen gebaut. Das wird es dieses Jahr so nicht geben, opulente Gewänder wie zu Shakespeares Zeiten hat die Romanvorlage des Briten Anthony Burgess nicht zu bieten. Doch Kreativität war unter den Jugendlichen dennoch gefragt: Sie haben die Szenen selbst geschrieben und Kostüme und Bühnenbild gemeinsam entwickelt. Weniger handwerkliches, dafür umso mehr organisatorisches Geschick war dabei gefragt. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Teilnehmer des Lehrgangs sich für Berufe im sozialen und kaufmännischen Bereich interessieren, eine durchaus sinnvolle Wahl, meinte Schachtschneider bei einer Voraufführung des Theaterstücks.

Das ganze Werk in der besonderen Kulisse der Badeanstalt können Halberstädter am Donnerstag und Freitag, 11. und 12. Mai, jeweils ab 19.30 Uhr sehen. Der Eintritt ist frei, aus Platzgründen sollten Karten vorab unter der Rufnummer 01 57/ 74 73 07 91 reserviert werden. Unter dieser Telefonnummer können sich auch Betriebe melden, die den Jugendlichen noch einen Praktikumsplatz anbieten wollen. Denn noch nicht alle Teilnehmer am Projekt sind bereits fündig geworden