Halberstadt l „Man denkt ‚was wäre, wenn es einer von uns gewesen wäre‘“, sagt Andreas Wolf. Der Busunternehmer aus Langenstein spricht über das Unglück, das sich am Montag auf der A9 nahe Münchberg in Oberfranken ereignet hat. 18 Teilnehmer der Senioren-Gruppe aus Sachsen starben im Bus, mehr als 30 sind nach Medienberichten verletzt worden. Tragisch sei, dass nach derzeitigem Ermittlungsstand ein Fehler der Fahrers den Unfall verursacht habe.

Nur 0,1 Prozent der Opfer

„Es kann immer etwas passieren, aber grundsätzlich ist der Bus eines der sichersten Verkehrsmittel“, betont Wolf, in dessen Unternehmen fünf Fahrer arbeiten. Seine Aussage bestätigen Daten des Statistischen Bundesamtes: Nur 0,1 Prozent der 3 206 Menschen, die 2016 auf Deutsch­lands Straßen ihr Leben verloren, waren Bus­insassen. 387 Personen wurden bei Verkehrs­unfällen in Bussen schwer-, 5 140 leichtverletzt. Laut Bundesamt entspricht dies 1,7 Prozent der bei Straßen­verkehrs­unfällen Verletzten.

Um in Notfällen richtig reagieren zu können, absolvieren die Busfahrer des Langensteiner Unternehmens jährlich ein Fahrsicherheitstraining auf dem Lausitzring, informiert Andreas Wolf. Situationen wie Glatteis und Nebel werden auf der Strecke simuliert. „Das ist wichtig, damit die Fahrer Extreme kennenlernen und wissen, wie sie reagieren müssen.“

Technische Innovationen

Auch technische Entwicklungen in der Fahrzeugbranche tragen dazu bei, dass weniger Unfälle geschehen, sagt Stephan Müller. Dem 57-Jährigen gehört ein Reisebusunternehmen in Harsleben. Zu solchen Innovationen gehören Feuerlöscher, die selbstständig auslösen – ähnlich wie Sprinkleranlagen in Häusern. „Aber die hätten beim Unglück am Montag wahrscheinlich nichts ändern können“, so Müller. „Was passiert ist, macht mich betroffen, nicht nur als Busfahrer, sondern als Mensch.“ Er selbst lenkt die großen Fahrzeuge seit 1990 – ohne Angst, wie er betont. Aber er wünsche sich, dass auf Autobahnen ein striktes Tempolimit eingeführt werde. „Das wäre ein wesentlicher Faktor, um den Verkehr sicherer zu machen und Unfälle zu vermeiden.“

Müller geht nicht davon aus, dass sich das Unglück auf sein Geschäft auswirken wird. „Es kommt vor, dass Leute nach solchen Unfällen Touren absagen, aber selten.“ So sei am Dienstag, einen Tag nach dem Unfall auf der A 9, eine Seniorengruppe mit einem seiner Busse zu einer Fahrt gestartet. „Gerade bei diesen Gruppen-Fahrten ist es so, dass die Teilnehmer den Fahrer oft kennen und ihm deshalb vertrauen.“

Das bestätigt Helga Scholz. Die 79-Jährige nimmt oft an Seniorenfahrten teil, zum Beispiel im August nach Bad Segeberg. Außerdem ist sie als Reiseführerin mit Busgruppen im Harz unterwegs. „Ich bin kein ängstlicher Typ und freue mich auf die nächste Tour“, betont die Halberstädterin.

Mulmiges Gefühl

Sie wisse aber, dass solche Vorfälle durchaus Einfluss auf einige der Mitreisenden haben. So habe ihre Nachbarin gesagt, dass der Gedanke an die Fahrt ein mulmiges Gefühl bei ihr auslöse. „Viele Frauen werden sicher versuchen, einen Platz nahe an der Tür zu bekommen, um im Notfall schnell herauszukommen“, vermutet Helga Scholz. Sie könne das Anliegen gut verstehen, schließlich seien unter den Passagieren welche, die altersbedingt in ihren Bewegungen eingeschränkt sind.

Doch gerade für diese Menschen sind Bustouren häufig die einzige Form des Reisens, an der sie teilnehmen können. Dazu zählen auch Ausflüge in die nähere Region. Solche werden von der Langensteinerin Heike Claßen organisiert. Auch sie habe keine Furcht, wieder in einen Bus zu steigen. „Wir machen nur kurze Fahrten und Halbtags-Ausflüge. Darum denke ich nicht, dass der Unfall in Franken Einfluss auf unsere Touren haben wird.“