Havelberg/Nitzow l Bestes Paddelwetter herrschte am Sonnabend, als sich am Vormittag der erste Trupp in den Kanus von Havelberg aus in Richtung Nitzow begab. Die andere Hälfte der jungen Leute besuchte das Haus der Flüsse in der Elbstraße und wurde mit dem Bus ins Haveldorf gefahren. Nach Mittagessen, Bad in der Havel und Volleyball wurde gewechselt, so dass jeder in den Genuss einer Kanutour kam. Mit dabei waren auch jugendliche Flüchtlinge, die vom DRK in der Hansestadt betreut werden.

Der Rotary Club Havelberg ist seit Jahren Ausrichter des Rotex-Treffens. Hier kommen diejenigen Austauschschüler zusammen, die derzeit in Deutschland weilen, und diejenigen, die demnächst ins Ausland gehen. Mit dabei zudem ehemalige Austauschschüler, die sich jetzt über Rotex um die Jüngeren kümmern. „Das ist eine gute Sache, denn die Informationen werden viel besser aufgenommen, als wenn ich sie als 71-Jähriger vermittle“, weiß Ekkehard Musick, Hauptverantwortlicher im Rotary Distrikt 1800, der 79 Clubs in Sachsen-Anhalt und großen Teilen Niedersachsens umfasst. Die rund 50 Gastschüler aus 20 Ländern – unter anderem Japan, Thailand, Indien, Brasilien, Argentinien, USA, Kanada, Frankreich und Finnland – treffen sich während ihres Deutschlandaufenthalts öfter und gehen zusammen auf eine dreiwöchige Europatour. Das Wochenende in Havelberg ist das letzte gemeinsame Treffen. Entsprechend sind die Emotionen, bald heißt es Abschied nehmen.

Zweites Zuhause gefunden

Rund 40 Schüler schickt der Rotary Distrikt im Sommer in die weite Welt. Sie erfuhren in Gesprächen mit Austauschschülern oder von den Rotexern auch, worauf sie sich in fremden Kulturen einstellen sollten. Während es etwa in Deutschland normal ist, dass junge Leute allein mit Bus und Zug fahren, ist das woanders nicht unbedingt erwünscht. Auch Essensgewohnheiten bedeuten für manchen eine große Umstellung.

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Einer, der das aus erster Hand berichten kann, ist Paul Schuberth aus Wolfenbüttel, der in Berlin Informatik studiert und bei Rotex in der Führungsebene mitarbeitet. 2011/12 war er als Austauschschüler in Mexiko. „Es macht einfach zu viel Spaß, von Menschen aus anderen Kulturen umgeben zu sein“, erklärt er, weshalb er immer wieder gern für Rotex unterwegs ist. Vor kurzem übrigens zusammen mit Ekkehard Musick in Korea, wo er vor Rotariern aus aller Welt über seine Erfahrungen und die Bedeutung von Rotex sprach. Er weiß, dass es für Südamerikaner in Deutschland schon ungewöhnlich ist, wenn sich nicht die ganze Familie zum Essen zusammensetzt. „Sie haben dann das Gefühl, dass die Familie sie nicht mag.“ Und er weiß auch, dass Schüler in Südamerika nicht so viele Freiheiten haben. „In Deutschland erziehen wir mehr zur Selbständigkeit, etwas, wovon auch die Austauschschüler profitieren.“

Camila aus Ecuador lebt für ein Jahr in Magdeburg. Allein mit dem Zug zu fahren, ist für sie jetzt kein Problem mehr. „Ich fühle mich zu Hause hier“, sagt sie. Verstärkt wurde dieses Gefühl durch die Hilfsbereitschaft, die sie erfahren hat, nachdem in Ecudaor im April die Erde gebebt hat. „Meine Stadt ist kaputt und ich habe einen Onkel verloren. Viele, auch Leute, die ich nicht kenne, haben mich gefragt, ob ich Hilfe brauche, ob es mir gut geht. Sie sind alle wie meine Familie.“ Gern möchte sie zum Studium nach Deutschland zurückkehren.

Rotary hat eine Spendenaktion für Ecuador ins Leben gerufen. Allein im Havelberger Club sind über 600 Euro zusammengekommen, berichtet der Havelberger Jugendverantwortliche Wolfgang Schürmann.

Freude auf Peru

„Ich liebe die Menschen, die Kultur und die Sprache“, sagt Gerardo aus Mexiko. Er wohnt im niedersächsischen Einbeck. Die Deutschen seien nicht so offen, immer pünktlich, perfekt und ordentlich, wurde ihm zu Hause in Mexiko mit auf den Weg gegeben. „Das ist hier ganz gemischt, es gibt solche und solche“, hat der 18-Jährige erfahren. Er will gern Architektur studieren und eine deutsche Gemeinschaft besuchen, um die Sprache weiter zu festigen. Und immer mal wieder zurückkommen nach Deutschland. Nicht nur, weil er Würstchen und Bier mag, sondern auch, um seine Freundin und seine Gastfamilien hier wiederzusehen.

Für die Schollenerin Thea Friedebold geht es Ende Juli nach Peru. Wohin genau, weiß die 15-Jährige noch nicht. „Ich mag die Mentalität der Menschen dort und ich möchte was anderes erleben“, freut sie sich schon sehr auf das Austauschjahr. Viel Spanisch kann sie noch nicht. Doch da ist sie ganz optimistisch, schließlich gibt‘s zu Beginn einen sechstägigen Sprachkurs.

Ekkehard Musick berichtet von der Aussage eines Rotary-Weltpräsidenten, der meinte, dass es auf der Erde keinen Krieg mehr geben würde, würden alle jungen Leute die Möglichkeit des Schüleraustausches haben. „Diese jungen Menschen sind wichtige Friedensarbeiter.“ Wer sie am Wochenende erlebt hat, kann das nur unterschreiben.