Magdeburg l Die Magdeburger Kleingartenkonzeption ist endgültig vom Tisch. Stattdessen sollen Vereine die Möglichkeit bekommen, Zielvereinbarungen für ihre Anlagen abzuschließen – und zwar auf freiwilliger Basis. Der erste Verein steht bereits vor Verhandlungen.

„Ich werde die Kleingartenentwicklungskonzeption nicht weiter verfolgen“, kündigt Oberbürgermeister Lutz Trümper gegenüber der Volksstimme an. Damit ist das Papier, das in den vergangenen zwei Jahren für Aufregung unter den Kleingärtnern der Stadt gesorgt hatte, vom Tisch. Bis zu 4000 Gärten hätten danach zumindest langfristig wegfallen können. Nicht ohne Grund: Die Zahl der Kleingärtner nimmt ab. Immer mehr Vereine beklagen Leerstände. Doch unfreiwillig und ohne die Zustimmung sollen keine Gärten wegfallen, versichert Trümper, es sei denn, es betrifft wichtige Infrastrukturmaßnahmen, die der Stadt zugutekommen.

Als neues Mittel der Planung sollen stattdessen Zielvereinbarungen mit einzelnen Vereinen, der Stadt und dem Verband geschlossen werden, bestätigen auch Ute Simon und Bernhard Ruth vom Vorstand des Verbandes der Gartenfreunde, unter dessen Dach die 230 Vereine und das Gartenland betreut werden. „Wir denken, dass damit allen Seiten geholfen ist“, sind sich Ruth und Simon einig. Die Stadt könne längerfristig planen, ebenso die Vereine und der Verband. Natürlich könnte es auch mit dieser Variante Verlierer geben, räumen sie ein, doch für alle jene, die davon betroffen sein könnten, werde es nach wie vor Entschädigungen geben.

37 Vereine sehen Zukunft problematisch

Sowohl Simon als auch Ruth betonten, dass die Kleingartenentwicklungskonzeption einzig ein Dokument der Stadtverwaltung gewesen war. Nachdem dieses 2015 zurückgezogen wurde, hat der Verband die Mitgliedsvereine befragt. Die Ergebnisse sollten Basis für eine Stellungnahme an die Stadt sein. Vier Vereine stuften ihre Zukunftsaussichten als nur noch befristet existenzfähig ein, 33  Vereine sehen eine Zukunft mit deutlichen Einschränkungen. 166 schätzen ihre Perspektive sehr gut ein oder sehen eine stabile Entwicklung.

Fünf Vereine hätten bereits angekündigt, eine Zielvereinbarung abschließen zu wollen, weitere 13 hätten Interesse daran geäußert. Vorrangig handele es sich dabei um Vereine in Stadtrandlagen – also dort, wo viele Eigenheime mit Grundstück und Garten gebaut wurden.

Zu den Vereinen, bei denen es Probleme gibt, gehört auch der Kleingärtnerverein „Heimstättengartengebiet  I“. Er besteht seit 85 Jahren. 300 Parzellen stehen zur Verfügung – 63 davon liegen aktuell brach und machen dem Verein nicht nur Arbeit, um den Wildwuchs zu verhindern, sondern steigern auch die Kosten für einen Garten. Vor allem für Gärten am Rande der Anlage werde es zunehmend schwierig, Pächter zu finden, sagt Vereinsvorsitzender Joachim Kirmis. Er sieht sich in der Pflicht, damit die Anlage langfristig Bestand hat, und verhandelt seit 2015 mit Stadt und Verband über die Möglichkeit eines planmäßigen Rückbaus. Er sieht es pragmatisch. Das Einzugsgebiet, aus dem die meisten Kleingärtner kommen, hat seit der Wende 5000 Einwohner verloren. Zudem gibt es weitere sieben Kleingartenanlagen rings um Reform, die um die Gunst potenzieller Pächter buhlen und als zum Teil jüngere Anlagen über weit bessere Lauben verfügen.

Mitglieder müssen dem Vertrag zustimmen

Die Mitgliederversammlung habe den Vorstand im März beauftragt, eine Zielvereinbarung auszuarbeiten, die den Bedingungen des Vereines entspricht. Mit dieser wird sich Kirmis an die Stadtverwaltung wenden. Ist diese einverstanden mit den Vorschlägen, würde er auf Kleingärtner zugehen. Wichtig ist, dass zusammenhängende Grundstücke frei werden. Die Vereinbarung muss 2018 von der Mitgliederversammlung beschlossen werden. Nur wenn die Vereinsmitglieder zustimmen, kann sie in Kraft treten.

Den Vorteil der Zielvereinbarung sieht Kirmis darin, dass die Anlage dann auch finanziell überleben kann. Normalerweise koste ein Garten etwa 200  Euro im Jahr, berichtet er. Doch diese Summe steigt mit dem Leerstand. Denn der Mitgliedsbeitrag an den Verband wird dadurch auf weniger Mitglieder umgelegt.

Auch wenn es vereinzelt Anfragen für Gärten gibt, ist sich Kirmis in puncto Leerstand sicher: „Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.“ Denn der Altersdurchschnitt der Pächter in der Anlage liege bei 61,5  Jahren. Junge Pächter würden oft die Arbeit unterschätzen und ihre Parzelle daher schnell wieder aufgeben, andere Paare hingegen würden sich trennen, und damit sei auch der Garten Geschichte.

Die Vereinbarung kann über längere Zeiträume geschlossen werden. Laufzeiten von 5 bis 15 Jahre seien möglich. Auf diese Weise könnten die Gärtner kalkulieren und überlegen, ob sie ihre Parzelle bis dahin noch bewirtschaften können und wollen oder ob sie vielleicht in einen anderen Garten zum Beispiel im Kerngebiet der Anlage umziehen.

Kirmis sagt, er würde gern einen anderen Weg wählen. „Aber ich sehe keinen anderen vernünftigen Weg.“