Magdeburg l Sabine Große und Andreas Haese haben sich unabhängig voneinander für ihre ausländischen Mitarbeiter eingesetzt, als diese in ihre Heimat abgeschoben werden sollten. Dank ihres Engagements können sie ihre Chance auf ein neues Leben in Deutschland nutzen. 

Es waren zwei Geschichten, die in den vergangenen Monaten viele Volksstimme-Leser bewegten. Immer wieder berichteten wir über Gazmend Syla und Karmen Nazaryan, die in den Kosovo bzw. Armenien – aus juristischer Sicht vollkommen legitim – abgeschoben werden sollten. Und wir beschrieben auch, wie sich ihre Chefs für sie stark machten, Unterschriften sammelten, Petitionen starteten und Behördengang um Behördengang erledigten, damit die beiden in ihrer neuen Heimat Deutschland bleiben dürfen. Denn die zwei Fälle zeigen, wie falsch Worte auf dem Gesetzespapier manchmal wirken können, wenn sie auf echte Menschen und echte Schicksale treffen.

Da ist zum einen Sabine Große, die sich für ihren Auszubildenden Gazmend sogar auf den Weg in die kosovarische Hauptstadt Priština machte, um ihn bei seiner Rückkehr nach Magdeburg zu unterstützen. Im Januar war er freiwillig dorthin ausgereist, um sich die Chance auf ein reguläres Arbeitsvisum zu bewahren. Zuvor war sein Asylantrag abgelehnt worden, die Zwangsabschiebung drohte.

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"Wie auf einem Basar"

Und das, obwohl er bei der Sportartikelhändlerin einen festen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatte. Neben dem Azubi-Lohn finanzierte sie ihm auch eine Wohnung. Mit einem Fernsehkamerateam dokumentierte Sabine Große die Umstände vor Ort im Kosovo, „wie auf einem Basar“ sei es vor dem deutschen Konsulat zugegangen, sagt sie. Die einfach geglaubte Wiedereinreise per Arbeitsvisum verzögerte sich immer wieder. Doch Sabine Große ließ nicht locker und im September konnte Gazmend Syla ganz legal nach Magdeburg zurückkehren und wurde in ihrem Sportartikelgeschäft am Breiten Weg willkommen geheißen. Er setzt seine Ausbildung fort und hat auch danach gute Aussichten auf eine Visaverlängerung.

Warum aber dieser besondere Einsatz für einen 32-Jährigen, den sie persönlich aus einer Asylbewerberunterkunft in Wolmirstedt geholt hatte, weil sie auf dem Arbeitsmarkt keinen geeigneten Azubi fand? „Ich habe ein Kümmer-Gen“, sagt Sabine Große. Selbst zweifache Mutter und bereits dreifache Großmutter kümmert sie sich tatsächlich. Gerade zum Beispiel um eine syrische Familie mit sechs kleinen Kindern, denen sie dabei hilft, in Deutschland Fuß zu fassen.

Bei Andreas Hae-se war es vor allem sein Gerechtigkeitssinn, der ihn einschreiten ließ, als die Ausländerbehörde Karmen Nazaryan nach 12 Jahren Leben, Lernen und Arbeiten in Deutschland wieder in ihre alte Heimat Armenien abschieben wollte. „Das fand ich einfach ungerecht“, sagt der Apotheker, „sie arbeitet, hat eine Wohnung, zahlt Steuern wie alle anderen auch und trotzdem soll sie auf einmal Deutschland verlassen.“

Falsche Angaben der Eltern

Doch eines frühen Morgens Ende Mai kam tatsächlich der Anruf von ihr: „Ich bin schon auf dem Weg nach Berlin.“ Formal nach den Buchstaben des Gesetzes auch zu Recht. Ihre Eltern hatten damals bei der Einreise auf Anraten von Fluchthelfern ein falsches Heimatland angegeben, um bessere Aussichten auf Asyl zu bekommen. Weil 2014 diese Lüge herauskam, sollte die ganze Familie zurück. Aufgrund eines Zusammenbruchs des Vaters wurde die Abschiebung ausgesetzt, die Familienmitglieder erhielten später vierstellige Rechnungen für die geplatzte Abschiebung.

Nach langen Verhandlungen mit der Ausländerbehörde, an denen auch Andreas Haese beteiligt war, gibt es mittlerweile eine Lösung. Karmen Nazaryan wird Anfang Januar nach Eriwan zu ihrem Onkel reisen und nach drei Monaten ganz legal als Gastarbeiter nach Deutschland einreisen. Andreas Haese bürgt für sie, sichert ihr diese Möglichkeit zu, indem er erklärt, dass nur sie die Stelle in seiner Apotheke besetzen kann. „Die Mitarbeiter, die Kunden, alle sind sehr zufrieden mit ihr“, sagt er. Gibt es eine Garantie, dass dieser Plan auch so funktioniert? Andreas Haese antwortet mit Kopfschütteln. Die Erfahrungen von Sabine Große machen ihm Sorgen. „Wir hoffen, dass uns dieses Drama erspart bleibt“, sagt er. Haese und einige seiner Mitarbeiter wollen Karmen in Armenien besuchen.

Die Fälle von Gazmend Syla und Karmen Nazaryan und ihren engagierten Chefs zeigen, dass hinter den Aktenzeichen des Asylantrags Menschen stehen, für die es sich lohnt, gegen die Mühlen der Bürokratie zu kämpfen. „Ich würde es jederzeit wiedermachen“, sagt Sabine Große ganz klar und bestimmt. Und auch Andreas Haese würde nicht zögern, sich wieder so einzusetzen.

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