Räbel/Wittenberge l Rainer Trunks Mutter war ein Kind von acht Jahren, als sie 1944 in Bingen am Rhein in Kellern vor den Bomben zitterte. Trunks Vater war Flakhelfer und ging mit 16 an die Front. Dieses Schicksal teilen viele Kriegskinder – und viele Kriegs­enkel. Davon ist Rainer Trunk überzeugt, seit er im Jahr 2015 die Bücher der Autorin Sabine Bode zwischen die Finger bekam. „Da sind viele Menschen, die in den Therapien immer das Gleiche erzählen“, so habe unter anderem Sabine Bode festgestellt. Menschen, die grob zwischen 1950 und 1970 geboren wurden, leiden unter den selben Phänomenen. Sie erzählen von etwas undefinierbarem Fremden in ihnen, von einem irgendwie gearteten Auftrag, den sie spüren, auch von einer Traurigkeit. Von Dingen, die sich objektiv aus ihrem eigenen Erleben heraus nicht erklären lassen – nicht direkt.

Die Traumata werden unbewusst weitergegeben

Indirekt aber schon, so geht der Begriff Kriegsenkel mit der These einher, dass die schrecklichen – unverarbeiteten –Kriegserlebnisse der Ahnen, der Eltern oder Großeltern, in den Kindern beziehungsweise Enkeln fortbestehen. Dass sie durch die Verhaltensweisen der Eltern und Großeltern, durch Erzählungen, bewusst und unbewusst weitergegeben werden – „das ist inzwischen bewiesen“, so Trunk. Seine Mutter litt zeitlebens unter Platzangst, konnte schlecht allein sein und hat ihm mitunter Gewalt angetan, „einmal hab ich geglaubt, sie schlägt mich tot“. Wenn der Vater zuviel vom Krieg erzählte, sagte sie „komm, jetzt ist gut“. Aber Rainer Trunk wollte alles „über den Hitler“ wissen, schon immer. Die Kriegserlebnisse seines Vaters sind ihm so vertraut, „dass ich glaube, es wären meine eigenen“. Herzlich sei auch das Verhältnis zu ihm nicht gewesen, „aber mein Vater hat mich verstanden“. Und dann gab‘s da ja noch Onkel Karl, des Vaters Bruder. Rainer Trunk hat ihn nie kennengelernt, fühlt sich aber mit ihm verbunden. Alle sagten immer, Trunk sieht ihm ähnlich. Im gleichen Atemzug mit der Trauer darüber, dass der Karl nicht aus dem Krieg zurückkam. „Er wurde noch nach Kriegsende gelyncht.“ So wisse die Familie mittlerweile. Diese permanente Atmosphäre des Wartens spüre Trunk allerdings noch immer, „ich habe mich zu Hause oft wie auf dem Bahnhof gefühlt“. Und mit Emotionen hat das ja alles zu tun. Als Rainer Trunk das erste Buch von Sabine Bode las, sei das für ihn wie ein Befreiungsschlag gewesen. „Dieses Gefühl, du bist nicht allein und vor allem: nicht verkehrt, ist sehr heilsam.“ Viele Beschreibungen von Betroffenen in den Büchern hätte er genau so selbst schreiben können.

Vielleicht hilft die Erfahrung auch anderen

Das macht dem Räbeler Mut, dass es anderen Kriegsenkeln auch so gehen könnte. Das gibt ihm den Ansporn, das Thema nach außen zu tragen. Trunk, der neben dem Betrieb seiner Galerie (dort gibt er auch Kunst- und Entspannungskurse) als Grundschullehrer in Wittenberge tätig ist, trägt sich gar mit dem Gedanken, so etwas wie Kriegsenkel-Treffen zu initiieren. Erstmal aber steht die Lesung am 18. Mai an. „Aufgewachsen mit traumatisierten Eltern, die als Kinder Krieg und Flucht erlebt haben, ist die Generation der Kriegsenkel in den letzten Jahren verstärkt in den Blick geraten – vor allem als eine belastete Generation. Doch ist das besondere Erbe, das sie tragen, nur belastend?“ So wird in der Ankündigung gefragt. Für Trunk gilt auf jeden Fall, dass er sich nach einem Burnout auch dank der Kriegsenkel-Erkenntnis ein großes Stück näher gekommen ist. „Und das ist schön.“

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Die Lesung von Ingrid Meyer-Legrand aus „Die Kraft der Kriegsenkel“ am Donnerstag, 18. Mai, beginnt um 19 Uhr in der Wittenberger „Galerie im Bilde“(Turmstraße 17), Eintritt 9 Euro. Reservierungen sind möglich unter Telefon 0173/2 06 93 99 und per Mail rtrunk@t-online.de.