Eickendorf/Schönebeck l Übersäht von wunden Stellen und Blasen war die Haut von Hannelore Linke im Sommer 1966. Ihr damaliger Hautarzt vermutete, dass die Entzündung, die schlimmen Verbrennungen ähnelte, aus dem Garten stammen könnten. Die gesundheitlichen Risiken der Bärenklau-Staude, die dort wuchs, war damals noch nicht bekannt. Als Hannelore Linke den Artikel „Kampf gegen den Herkules“ in der Volksstimme vom 14. Juni las, musste sie reagieren, denn die prägende Begegnung mit der Pflanze ist ihr zu gut in Erinnerung geblieben.

Heute ist der Bärenklau längst als Neophyt (Definition: Pflanze, die sich in Gebieten ansiedelt, in denen sie zuvor nicht heimisch war) bekannt – und ebenso gefürchtet. Denn dass der Saft des Bärenklaus für die Haut schädlich und die Pflanze trotz aller Pracht aggressiv und giftig ist, wissen inzwischen die meisten Menschen.

Nicht erfolgreich bekämpft

Dennoch wächst die Staude immer häufiger im Salzlandkreis. Für Michael Wunschik, Vorsitzender der Schönebecker Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu), ist eines der Hauptgründe die noch immer nicht komplette Beseitigung der Pflanze – inklusive Wurzel. Ein Beispiel ist für ihn Eickendorf. Dort sei der Bärenklau noch immer nicht erfolgreich bekämpft worden, meint er. Als Beispiel nennt er ein Gelände in der Nähe des Bahnhofes. „Trotz damaliger Zusage wurde auf dem dortigen Gelände der Riesen-Bärenklau nicht erfolgreich nachhaltig bekämpft, sondern treibt wieder aus“, sagt er der Volksstimme.

Besorgte Bürger hatten sich bei dem Nabu-Vorsitzenden gemeldet. „Die Pflanzen standen in der Blüte, da war die Sorge groß, dass sie sich weiter vermehren“, berichtet Wunschik. Es handele sich bei der betroffenen Flächen um das oben genannte Grundstück, auf dem bereits im vergangenen Jahr Bärenklau gewachsen sei.

Nachdem die Volksstimme bei der Gemeinde Bördeland nachhakt, meldet sich Landwirt Hans Henning Hagemann, dem die Fläche gehört. Er versteht die Aufregung des Nabu-Vorsitzenden nicht. „Ich habe schon damals die Fläche abgemäht – das ist auch in diesem Jahr unmittelbar nach der Beschwerde passiert“, sagt er. „Ich selbst habe schließlich auch kein Interesse daran, dass der Bärenklau mein Gelände zuwuchert“, so der Landwirt.

Laut Wunschik reiche die Mahd der Fläche jedoch längst nicht aus. „Die Pflanzen wurden tatsächlich relativ zeitnah weggemäht – aber somit nicht komplett entfernt“, sagt er. Diese oberflächliche Beseitigung sei laut Wunschik ein „Fass ohne Boden“.

Hagemann hält den damit verbundenen Aufwand jedoch nicht für tragbar. Vor allem, so kritisiert er, wachse der Bärenklau auch neben seinem Grundstück – in einem Gebiet, für das die Gemeinde Bördeland zuständig ist.

Auch hier hat der Bauhof der Gemeinde Bördeland bereits reagiert. „Wir haben sofort Mitarbeiter zur Beseitigung rausgeschickt“, so Bernd Nimmich, Bördelands Bürgermeister. Doch auch das Bauamt der Gemeinde halte es nicht für möglich, den Bärenklau inklusive Wurzel zu entfernen.

Einzigst realistische Möglichkeit

Oft handele es sich um generell stark bewachsene Flächen, bei denen die Mahd die einzigst realistisch umsetzbare Möglichkeit sei. Die Vorsichtsmaßnahmen für die Mitarbeiter werden selbstverständlich getroffen, so der Bürgermeister. So tragen die Mitarbeiter des Bauhofes Schutzkleidung, damit sie mit dem schädlichen Saft der Pflanze nicht in Berührung kommen.

Ähnlich geschehe es beim Bauhof der Stadt Schönebeck. So sagt Bauhof-Chef Heinz-Werner Herrler: „Bei uns arbeiten ausgebildete Fachkräfte, die sich den Gefahren der Pflanze bewusst sind.“ Auf den städtischen Flächen sei das Problem recht gut unter Kontrolle, da diese eh bei der regelmäßigen Anlagenpflege gemäht werde, so Herrler.

Auch Alexandra Koch, Pressesprecherin vom Salzlandkreis, bestätigt auf Anfrage der Volksstimme, dass auf Flächen und an Straßen im Kreis gegen den Eindringling vorgegangen wird. Doch auch hier gilt laut Koch, dass der Neophyt nur selten inklusive Wurzel gepackt wird. Sie begründet: „Aufgrund des Umfanges der Bestände werden zum Teil auch nur die Blütendolden vor Samenbildung abgeschnitten und entsorgt.“

Kein Ordnungsgeld

Am schwierigsten steht es um die Kontrolle von privaten Grundstücken. Denn obwohl laut Wannewitz die Eigentümer der Grundstücke von der Stadt zur Beseitigung der Pflanze aufgefordert werden – wie es auch in Eickendorf beim Landwirt Hagemann passiert ist – gibt es weder Ordnungsgeld noch repressive Maßnahmen, die die Grundstückbesitzer dazu verpflichten.

Volksstimme-Leserin Hannelore Linke war damals sorgfältig. Sie hat das Übel im wahrsten Sinne des Wortes bei der Wurzel gepackt. Denn nach dem Arztbesuch habe sie den Bärenklau „natürlich total entsorgt“. „Ich habe die Wurzeln mit einem Spargelmesser aus jeder Ritze herausgekratzt“, erinnert sich die heute 83-Jährige.

Wer auf öffentlichen Flächen Riesen-Bärenklau entdeckt, kann die Fundstelle bei der „Koordinierungsstelle Invasive Neophyten“ melden: (0345) 2 02 65 30 oder hier.