Barby l Es ist ein kleiner, 45 mal 30 Zentimeter großer Papp-Koffer, den Marlies Wolf auf den Tisch stellt. Ein Teil, wie es die FDGB-Urlauber in den 50er und 60er Jahren als Zweitgepäckstück über den Bahnsteig schleppten.

Genau aus dieser Zeit stammt auch der Inhalt des Koffers mit seinen beiden verschließbaren Schnappverschlüssen und den Stoßecken. Darin befinden sich einige hundert Autogrammkarten. Ein Teil davon trägt die eigenhändige Unterschrift der Künstler, die fast ausschließlich Schauspieler und Sänger sind.

Kein Pieck, kein Ulbricht

„Die Sammlung hat meine Oma in den 50er Jahren begonnen“, erzählt Marlies Wolf (60). Anni Hirt (1909-1967) hatte einige Energie und rückfrankierten Umschläge investiert, um die begehrten Bilder der Stars zu bekommen. Die hauptsächlich westlich der DDR leben. Freudige Aufregung herrschte, wenn die Postfrau vor Annis Tür in der Langen Reihe stand: mit Briefkuverts, die nicht mit Wilhelm Pieck oder Walter Ulbricht frankiert waren.

Bilder

Man muss schon ein bisschen älter sein, um Stars wie Gina Lollobrigdia, Renate Ewert oder Caterina Valente zu kennen. Allesamt schöne Frauen, die Straßenfeger-Qualitäten hatten, wenn deren Filme im Kino flimmerten. Versenkt man sich in deren Biografien wird schnell klar: Berühmte Menschen hatten es oft nicht leicht oder zerbrachen am Ruhm. So wie die zauberhafte Renate Ewert, die in beinahe kindlicher Schrift ihr Autogramm auf die Karte setzte. Ihr letzter Film hieß 1966 „Agent 505 – Todesfalle Beirut“. Wenig später verstarb die gebürtige Königsbergerin an einer Überdosis von Tabletten und Alkohol. Ihre Eltern Paul und Helene Ewert nahmen sich 17 Monate nach dem Tod ihrer Tochter ebenfalls mit einer tödlichen Dosis Schlaftabletten das Leben.

„Wenn man so ein Autogramm in den Händen hält, wird man schon nachdenklich“, gesteht Marlies Wolf. Auch ihre Oma Anni kam 1967 bei einem tragischen Unfall ums Leben. Den Koffer hatte sie ihrer Tochter Bärbel vermacht, die die Sammlung fortsetzte.

Was Anni in den 50er Jahren noch gelang, war in den 1960ern schwieriger geworden. West-Künstler und Fans im Osten trennten eine Mauer und ein rigider Post-Kontrolldienst. Soll heißen: Die von Hand unterschriebenen Karten wurden weniger. Dafür kamen ein paar ostdeutsche dazu. Sänger Frank Schöbel schrieb in dicker Füllerschrift seinen Namen auf eine Autogrammkarte, die kein Foto, sondern ein lappiger Druck ist. Schlager-Kollegin Bärbel Wachholz wird vom Auftraggeber Musikverlag „Lied der Zeit“ 1966 schon besser bedacht. Ihre Offsetdruck-Karte ist bereits farbig.

Am Anfang kein Interesse

Marlies Wolf (geb. Halla) war noch zu jung, um die Sammelleidenschaft von Oma und Tante fortzusetzen. Sie fand die Autogramme mit den „vielen schönen Menschen“ nett, entwickelte selbst aber keine weiteren Initiativen. „Als ich dann in dem Alter war, war das Autogramme sammeln ziemlich aus der Mode“, sagt die 60-Jährige. Im braunen Koffer bewahrt sie allerdings alte Ansichskarten auf, die sie aus dem Ferienlager nach Haus, schrieb oder dort bekam. Die Karten sind mit „Betriebsferienlager ‚Freundschaft‘ der Deutschen Maizena-Werke“ in Scheibe-Alsbach (Thüringen) adressiert.

Doch zurück zu den Autogrammkarten. Caterina Valente und Theo Lingen, Romy Schneider und Peter Alexander, Heinz Rühmann und Gojko Mitić, Frank Schöbel und Elvis Presley ... Marlies Wolf hat sie alle.

Doch was sind Autogramme eigentlich wert? Dazu ein Preisbeispiel, das allerdings ziemlich extrem ist: Ein echtes Autogramm aller vier Beatles war vor 20 Jahren laut dem britischen Auktionshaus Paul Fraser Collectibles 4950 Pfund wert, 2002 waren es 12500 Pfund und 2016 stand es bei 28000 Pfund.

Geradezu mickrig wird dagegen der Schriftzug von „Trump, Donald“ auf einem signierten Foto vergütet: Ihn kann man für schlappe 450 Pfund haben. Mit seiner Präsidentschaft dürfte dieser Preis allerdings steigen. Aber der hat Gott sei Dank in Marlies Wolfs Koffer nichts zu suchen.