Plötzky l Benno Dintert aus Plötzky sammelt Briefmarken. Das ist wenig spektakulär. Zumindest in seiner Generation – Dintert ist 69 – ist das Hobby weit verbreitet. Doch der ehemalige Besitzer einer Autowerkstatt hat sich auf ganz besondere Dokumente der Postgeschichte spezialisiert: Er sammelt Briefe samt Sondermarken von der Leipziger Messe, Hunderte davon lagern in seinen Schränken.

Der Plötzkyer hat in seiner Jugend keineswegs Briefträgern aufgelauert und ihnen die Briefe aus Leipzig abgenommen. Es geht um besondere Sonderbriefe, einschließlich Marke und Stempel, die im 20. Jahrhundert während der bedeutenden Messe ausgegeben wurden. Wer sie schnell haben wollte, musste nach Leipzig.

Dintert hatte vor der Wende im Schönebecker Traktorenwerk gearbeitet. Die Leipziger Messe gehörte für den Betrieb zum Pflichtprogramm, Dintert war oft in der sächsischen Stadt. Jedes Jahr gab es einen besonderen Brief, eine besondere Marke. „Die zu bekommen, war nicht schwierig“, sagt Dintert. Die Briefe dienten der Bewerbung der Leipziger Messe und wurden in ausreichender Zahl an einem Schalter ausgegeben. In die ganze Welt sollten die besonderen Umschläge mit den besonderen Marken gehen. Nicht wenige von ihnen landeten dennoch sofort in den Sammleralben.

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Absichtlich falsch adressierte Briefe

Besondere Schätze in Dinterts Sammlung sind echte Briefe, die gelaufen sind. Dabei hatten die Sammler früher einen Trick, wie Dintert erklärt: Die Briefe wurden mit einer falschen Adressierung und einem korrekten Absender versehen. So konnten sie nicht zugestellt werden und gingen zurück an den Absender. Dann allerdings mit Poststempel und am besten noch einem Vermerk über die Gründe der Retour. Dintert zeigt einen bunt beschriebenen und beklebten Retour-Brief mit Fantasieadresse in Tirana. „In den meisten Fällen kamen die zurück. Sogar aus Australien“, sagt der Sammler.

Mit den Briefen los ging alles in der Kindheit. Benno Dintert hatte damals einen Freund, dessen Vater Briefmarken sammelte. Von dem gab es bald ein Geschenk, ein halbgefülltes Album mit Briefmarken aus Österreich. „Ich habe dann versucht, Österreich zu sammeln“, sagt Dintert. Das Ziel: Möglichst vollständige Serien aus der Alpenrepublik zusammen zu bekommen.

Das war zu DDR-Zeiten gar nicht so einfach. Dintert hatte daher über den Philatelistenverband Kontakt zu einem Tauschpartner in der Bundesrepublik aufgebaut. Auf diese Weise wurde der Ost-West-Tausch organisiert, wobei die Ausfuhr von Briefmarken als „geldähnliches Wertzeichen“ streng geregelt war. Als die DDR-Marken allerdings ihren direkten Weg in den Westen fanden – die Post der DDR hatte die Marken als Devisenquelle entdeckt – waren die langsamen privaten Tauschringe nicht mehr interessant, zumindest für die Partner im Westen. Nach der Wende versuchte Dintert, seinen Tauschpartner persönlich kennenzulernen. Doch in seinem niedersächsischen Heimatort traf er nur auf dessen Witwe. Die hatte die Sammlung mittlerweile verschenkt. „Ich wusste nicht, dass er schon so alt war“, sagt Dintert, der mit seinem Partner – natürlich – nur per Brief kommunizierte.

Rund 500 Briefe von den Leipziger Messen sind heute im Besitz von Benno Dintert. Mit den Briefen ist Dintert ein Exot. „Bei uns im Verein bin ich der Einzige, der das Messegebiet beackert“, sagt der Sammler.

Organisiert im Verein

Dieser Verein ist der Verein zur Förderung der Philatelie und Postgeschichte. Dort ist Dintert organisiert. Regelmäßig treffen sich in Magdeburg Sammler und tauschen sich über Briefmarken, Briefe und die Post aus. Mit seinen Messe-Briefen ist der Mann aus Plötzky eine Besonderheit im Verein. Mit den Brief- und Markensammlern verhält es sich ein wenig wie mit den Briefen und Marken selbst: Die alte Kommunikationsweise stirbt aus, und auch in den Vereinen ist das Durchschnittsalter eher hoch, sagt Dintert. Kein Wunder, Briefe lassen sich heute dank SMS mit einem handgeschriebenen Zahlencode frankieren, aus dem Automaten kommt schmucklose Massenware, und generell sinkt das Briefaufkommen kontinuierlich.

Der Verein zur Förderung der Philatelie und Postgeschichte in Magdeburg ist unter www.philatelie-postgeschichte.de erreichbar.

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