Barby l Das passt: Rüdiger Frenzel arbeitet bei der Deutschen Bahn, wohnt in einem ehemaligen „Bahnerhaus“ und blickt auf die Gleise des Barbyer Rangierbahnhofs. Doch sein Hobby geht in eine etwas andere Richtung: Er hat die größte Sammlung der Elbestadt an Militaria. Ihr Schwerpunkt: Erster Weltkrieg. Die Palette reicht von Steitengewehr und Paradesäbel über Stahlhelm und Gasmaske bis hin zu aller Art zeitgenössischem Kitsch, mit Kriegspathos und Kaiserkult. Frenzels Sammlung bietet sich an, die Zeit vor hundert Jahren besser zu verstehen: Von der großen Euphorie 1914 bis zum Katzenjammer vier Jahre später.

Die Sammlung spiegelt nicht nur die Entwicklung der Militärtechnik wider, die immer ausgefeilter und mörderischer wurde, sondern auch die Geschichte von Orden und Ehrenzeichen. Als Beispiel sei das Eiserne Kreuz genannt. Diese Tapferkeitsauszeichnung wurde erstmalig von Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. verliehen. Er hatte das Kreuz 1813 in Breslau für besondere Leistungen im Kampf gegen Napoleon gestiftet. Und zwar - das war das Neue - für Soldaten aller Dienstgrade und nicht nur für adelige Offiziere. Die Form geht auf den großen preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel zurück, der das „EK“ gestaltete.

Rüdiger Frenzel besitzt eine Standard-Eisengusstafel, die Eltern „in stolzer Trauer“ an ihr Haus schraubten, wenn der Sohn gefallen war. „Aus diesem Hause zog für Deutschland in Kampf und Tod“ lautet die Inschrift über dem Eisernen Kreuz. Darunter stehen persönliche Daten: „Offiziersaspirant Wilhelm Ehrig, † bei Verdun, 16.3.1916.“ Derartige Dinge waren geeignet, die private Trauer öffentlich zu verarbeiten.

Fotos und Ehrenzeichen

Für den 61-jährigen Sammler sind Gegenstände am wichtigsten, die „etwas mit Barby zu tun haben“, wie er sagt. Sie bedienen ein anderes, etwas friedlicheres Sammelgebiet: Fotos und Ehrenzeichen.

Großformatig hängt ein Foto des Kriegervereins Barby an der Wand. Der Lichtbildner Heinrich Viek hatte es 1911 im Garten des Schützenhauses aufgenommen, wo sich heute der innerstädtische NP-Markt befindet. Zu sehen sind 33, zum Teil hochbetagte Veteranen der Kriege 1866 und 1870/71. Sie tragen stolz mehr oder weniger üppigen Ordenschmuck am zivilen Jackett.

„Liedertafel“

„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein Originalstück ergattern kann, wie man es auf dem Bild sieht“, gesteht Rüdiger Frenzel. Zum Beispiel jenes Abzeichen mit Schleife des Barbyer Kriegervereins, das einige Männer auf dem Foto tragen. Aber wie kommt man an solche Raritäten kleiner Auflage heran? Frenzel ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ordenskunde, die regelmäßig zu Tauschbörsen nach Schönebeck einlädt. Dort kommen Gleichgesinnte aus ganz Deutschland zusammen. „Die meisten von denen wissen schon, dass ich ‚Barby‘ sammle und bieten mir die Sachen an“, lächelt der Sammler.

Erst kürzlich erwarb er Teile aus dem Nachlass eines alten Barbyers, dessen Erben jede Menge Fotos und Bilder versilbert hatten. Der Aufkäufer bot sie „Ritchi“, so sein Spitzname in der Szene, an. Darunter ein dickes Fotoalbum über die Mitglieder der von Gustav Rebling gegründeten „Liedertafel“. Die Lichtbilder stammen zum Teil aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Schatz, den „Ritchi“ nach Barby zurück kaufte.

Ständig die "Ohren im Wind"

Rüdiger Frenzel hat ständig die „Ohren im Wind“, wenn es um diese Dinge geht. Dabei ist er nicht mal gebürtiger Barbyer. Er wurde vor 61 Jahren in Erfurt geboren, kam aus familiären Gründen mit 16 an die Elbe. Seine verwitwete Mutter hatte den Kaufmann Ernst Ruthe geheiratet, dessen verstorbene Ehefrau die Freundin seiner Mutter war.

Initialzündung?

Aber wie kommt es, dass man zum leidenschaftlichen Sammler wird? An eine Initialzündung in Sachen Heimatgeschichte kann sich Frenzel nicht erinnern. „Ich habe bei meinem Stiefvater einen Haufen altes Zeug auf dem Dachboden gefunden, das mich irgendwie faszinierte“, erinnert er sich. Darunter Fotos, Ansichtskarten und ein rostiges Seitengewehr, das wohl Großvater Gustav Ruthe gehörte. Darauf begründete sich die spätere Passion. Heute hat Ritchi über 200 Blankwaffen.

Rüdiger Frenzel ist einer, der seine Sammeldinge nicht im stillen Kämmerlein versteckt. Die neue Barbyer Chronik von Engelmann/Ulrich profitiert von seiner großen Ansichtskarten- und Fotosammlung. Man findet so manches wichtige Bild, das „Ritchi“ irgendwann mal auftrieb.

Anfang der 1970er Jahre wurde Rüdiger Frenzel zum Grundwehrdienst zur NVA befohlen. War er bei so viel Hingabe zu Militaria & Co. ein begeisterter Soldat? „Überhaupt nicht“, lacht er, „ich habe wie alle anderen die Tage gezählt.“

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