Staßfurt l Zirka 3,5 Prozent, das ist der durchschnittliche Unterrichtsausfall in Sachsen-Anhalt, den das Bildungsministerium des Landes angibt. In dieses Feld reihen sich vor allem die weiterführenden Schulen, ab Klasse 5, in Staßfurt, Förderstedt und Egeln ein.

Übrigens, so hieß es aus dem Ministerium, müsste der tatsächliche Stundenausfall höher sein. Denn eine Stunde gilt nur als ausgefallen, wenn sich kein Lehrer als Betreuer in die Klasse stellt. Wenn eine Stunde fachfremd betreut wird oder die Schüler anders beschäftigt werden, hat die Stunde immer noch stattgefunden.

Je höher die Klasse, desto schwieriger

Während es in einem Lehrerkollegium an Grundschulen wegen der geringen Schwierigkeit des Stoffes einfach ist, die Stunden des Kollegen zu übernehmen, wird es ab Klasse 5 schwieriger. Dort sind Lehrer regulär für einige wenige Fächer ausgebildet. An der Berufsschule braucht es dann sogar Meister, ausgebildete Fachleute oder Spezialisten, die den Unterricht übernehmen könnten.

Es fehlt einfach an Personal. Dass die Unterrichtsversorgung im Land Sachsen-Anhalt zu gering ist, wird seit Jahren von Lehrern und Gewerkschaft beklagt. Das vorhandene Personal ist alt - die 53- bis 61-jährigen Lehrer machen die Mehrheit aus - und damit besonders anfällig für Krankschreibungen.

„Wir sind alle alt"

Dass an der Sekundarschule Hermann Kasten in Staßfurt, die bald Gemeinschaftsschule wird, 2016 729 von 18 996 Unterrichtsstunden ausgefallen sind, liege genau daran. An dieser Schule komme erschwerend hinzu, dass zwei Lehrer langzeitkrank sind, erklärt Schulleiterin Verena Frank. Die Schule zeigt die höchste Ausfallquote im Altkreis Staßfurt in dem Jahr - 4,74 Prozent. Generell sieht die Schulleiterin im hohen Alter der Lehrer den Grund für häufige Unterrichtsausfälle. „Sehen sie uns an, wie alt wir alle sind“, sagt sie.

Operationen, Kuren, Rehas, das alles fällt im Alter einfach öfter an. „Wir haben gerade einen kleinen Lichtblick und eine junge Kollegin Mitte 30 dazubekommen“, so Verena Frank. „Aber das ist nur der Tropfen auf dem heißen Stein.“ Dass die Lehrer mal alle da sind, sei schon nicht mehr der Normalzustand, sondern ein Glücksfall.

Aber woher sollen die Lehrer auch kommen? Vor einiger Zeit versuchte die Landesregierung ungelernte Lehrer an Schulen einzusetzen. „Wir haben es einmal mit Quereinsteigern probiert. Das war ein Ingenieur. Aber das hat nicht geklappt“, so Verena Frank. Für die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen brauche es eben viel mehr als Fachwissen.

An den Berufsbildenden Schulen Aschersleben-Staßfurt WEMA sind 2016 2 491 von 48 791 Unterrichtsstunden ausgefallen, hier wurden die beiden Standorte Aschersleben und Staßfurt erfasst. Einen Krankheitsfall an einer Berufsschule auszugleichen sei aufgrund der fachlichen Spezialisierung schwieriger als an allgemeinbildenden Schulen.

„Nur betreuen bringt nichts“

Könne an Sekundarschulen dann noch Unterricht mit Videos oder anderen fertigen Inhalten gegeben werden, braucht es bei den speziellen Ausbildungsberufen besonderes Fachwissen. „Die Schüler einfach im Klassenraum betreuen zu lassen, bringt dann nichts“, sagt Veronika Schmidt, Leiterin der WEMA.

Damit die Auszubildenden ihre Zeit gut nutzen, schickt die Schule sie in solchen Fällen in Absprache mit den Betrieben dann an ihre Ausbildungsplätze. Dort arbeiten sie praktisch, lernen etwas für ihr Berufsleben. Als Unterrichtsausfall gilt dies dann trotzdem. „Bei uns liegt der Unterrichtsausfall ursächlich vor allem an der Lehrerversorgung mit weniger als 100 Prozent und dem Krankenstand“, so Veronika Schmidt.

"Dann ziehe ich privat den Kürzeren"

Bei den Grundschulen in Staßfurt, Egeln und Hecklingen sieht es mehrheitlich mit unter ein Prozent Unterrichtsausfall nahezu rosig aus. Spitzenreiter ist die Grundschule Nord mit nur 0,19 Prozent Ausfall. Von 6779 Stunden sind nur 13 im Jahr 2016 ausgefallen. Natürlich kann Schulleiter Ingo Kurze seine Lehrer nicht zu Überstunden verdonnern - denn diese haben ihre vorgeschriebenen Stundenzahlen - aber als Schulleiter kann er selbst für jedes Unterrichtsfach einspringen. Das macht er auch, wie er sagt: „Dann ziehe ich eben privat den Kürzeren, aber als Führungskraft will ich eben Vorbild sein.“

Außerdem kommt die Grundschule in Nord in den Genuss von höheren Stundenzuweisungen wegen des großen Ausländeranteils in der Schule. So gibt es Klasse oft zwei Lehrer und wenn einer krank ist, fällt der Unterricht noch nicht aus.

Grund für den geringen Unterrichtsausfall in „Nord“ sei auch das Team, meint Ingo Kurze, das einfach gern an dieser Schule zusammenarbeite. „Wenn man nicht gern auf Arbeit geht, macht sich in einem unbewusst eine Negativstimmung breit und die macht einen für Krankheiten anfällig“, bringt er das Gegenbeispiel.

Unterrichtsausfall im Jahr 2016, gemessen am Gesamtbedarf der Schule (nicht das Schuljahr, sondern das Kalenderjahr wurde hier abgefragt, vom 18. Dezember 2015 bis 19. Januar 2017): „Bis jetzt kriegen wir das hier gut hin“, meint Ingo Kurze. Schaut er aber auf die Schulplanung des Landes für die nächsten Jahre, weiß auch er: „Unsere fast 0 Prozent werden nicht zu halten sein.“

Die Zahlen

Unterrichtsausfall im Jahr 2016, gemessen am Gesamtbedarf der Schule (nicht das Schuljahr, sondern das Kalenderjahr wurde hier abgefragt, vom 18. Dezember 2015 bis 19. Januar 2017):

Grundschulen

„J. W. Goethe": 1,25 Prozent

„Nord": 0,19 Prozent

„Ludwig Uhland": 0,95 Prozent

Grundschule Förderstedt: 2,79 Prozent

Grundschule Löderburg:0,53 Prozent

Grundschule Giersleben: 4,19 Prozent

Grundschule Hecklingen: 0,64 Prozent

Grundschule Vier Jahreszeiten Egeln: 3,10 Prozent

Grundschule Westeregeln: 0,84 Prozent

Grundschulzentrum „Bördeblick" Groß Börnecke: 0,24 Prozent

 

Sekundarschulen

„Hermann Kasten": 4,74 Prozent

„Am Tierpark": 3,84 Prozent

Förderstedt: 3,15 Prozent

 

Gemeinschaftsschulen

Ganztagsschule an der Wasserburg Egeln: 4,24 Prozent

 

Gymnasien

Dr.-Frank-Gymnasium: 1,38 Prozent

 

Förderschulen für Lernbehinderte         

Pestalozzischule: 1,59 Prozent

Förderschule „Am Park" Wolmirsleben: 1,73 Prozent

 

Berufsschulen

Berufsbildende Schulen Aschersleben-Staßfurt WEMA: 5,11 Prozent

 

Quelle: Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, auf Anfrage der Volksstimme