Hecklingen l Die Volksstimme-Serie „Auf eine Tasse Kaffee“ geht in die nächste Runde. Heute berichtet Volksstimme-Mitarbeiterin Nora Stuhr über ihr Gespräch mit dem Leiter der Lebenshilfe-Wohnstätte in Hecklingen.

Wir treffen uns auf dem Wachtberg, wo die Wohnstätte vor 19 Jahren gebaut wurde. Dort wird gerade ein bisschen renoviert. Im Flur verlegen Handwerker einen neuen Fußboden. René Wullstein steht an diesem Vormittag mit Schürze umgebunden in der Küche und hilft nach dem Frühstück der Bewohner mit. Die großen blauen Volksstimme-Tassen werden mit Kaffee und Tee gefüllt. Dann kommen sie auf den Tisch im Büro des Wohnstätten-Leiters. Die Plauderei kann starten.

René Wullstein hat die Leitung der Einrichtung, wo Menschen mit einer psychischen Erkrankung leben, im Jahr 2005 übernommen. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, ist spürbar, wie viel sie ihm bedeutet. Der Umgang mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, begleitet ihn täglich. Das war auch der Knackpunkt für seine Berufswahl. „Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Kommissar werden“, erinnert sich Wullstein, der in Atzendorf aufgewachsen ist und heute mit seiner Familie in Staßfurt lebt.

Sogar eine Zusage zur Ausbildung von der Polizeischule in Aschersleben habe er schon sicher gehabt. Doch dann kam der Zivildienst dazwischen. Bei der Lebenshilfe Bördeland war er 15 Monate als „Zivi“ angestellt. Die Zeit habe seinen Blick in Richtung berufliche Zukunft nach und nach verändert.

„Die Arbeit mit den Menschen hat mir einfach gelegen“, erinnert er sich und berichtet von seiner anschließenden Entscheidung, Sozialpädagogik zu studieren. Während seiner Zeit an der Fachhochschule in Magdeburg hielt er der Lebenshilfe während vieler Praktika und auch im Anerkennungsjahr die Treue. Alle Tätigkeitsbereiche der verschiedenen Einrichtungen lernte er kennen: Von der Frühförderung über die Arbeit in den Wohnstätten bis hin zum sozialen Dienst.

Menschen zu helfen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung ihr Leben neu sortieren müssen, sieht er noch immer als eine Aufgabe an, die, wie er sagt, nur mit einem eingespielten Mitarbeiter-Team zu meistern ist. Umso mehr ist es ihm wichtig, zu betonen, wie sehr er das Personal an seiner Seite schätzt. Nur so sei es möglich, das große Ziel zu erreichen, den Bewohnern ein Lebensumfeld zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen. René Wullstein, der auch die Arbeit im angegliederten Therapiezentrum organisiert, ist sich der Reichweite seiner Aufgabe bewusst. Für 58 Schützlinge trägt er Verantwortung. So viele Männer und Frauen leben auf dem Wachtberg. 18 Mitarbeiter zählen zum Team der Betreuer.

Demenz oder Schizophrenie sind Krankheiten, von denen die Menschen in der Wohnstätte betroffen sind. Viel Geduld, Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und das Wissen um den richtigen Umgang mit den Patienten ist für alle unabdingbar.

Darauf angesprochen, was ihn immer wieder motiviert, sich dieser Herausforderung zu stellen, beantwortet René Wullstein mit etlichen Gründen.

Zum einen sei nicht jeder Tag gleich. „Wo man mit Menschen arbeitet, passiert immer etwas Neues, Unvorhergesehenes. Genau das macht es aber auch interessant. Man sagt ‚Damit hätte ich nicht gerechnet‘ und trotzdem muss man sich den Umständen stellen.“

Die Entwicklung der Krankheitsverläufe gehe leider nicht immer in die Richtung, die wünschenswert ist. Bei einigen Krankheiten, könnten die Symptome gemildert werden, komplett ausgelöscht sei sie aber nicht. Auf der anderen Seite seien da aber auch Leiden, die heilbar sind. Dies zu erleben, sei ein wunderbarer Dank für die Arbeit. Außerdem liegt dem Leiter der Wohnstätte der Kontakt zu vielen über die Jahre lieb gewonnenen Partnern seiner Einrichtung am Herzen. Vereine und andere Institutionen halten der Wohnstätte und ihren Bewohnern die Treue. Feste, die auf dem Wachtberg regelmäßig gefeiert werden, sind für alle ein Höhepunkt. Dann lässt sich das Team um René Wullstein immer wieder etwas Neues einfallen. Bei den Vorbereitungen dazu, bringen sich alle mit ein. „Die Veranstaltungen kommen von Herzen und das macht uns lebendig.“