Stendal l Aufregung, Stolz, Gerührtsein, Anspannung, Erleichterung, Festlichkeit... all diese Zustände gehören wohl zu einer Schulabschlussfeier dazu. Und das alles komprimiert in kaum eineinhalb Stunden, die den Schlusspunkt hinter zwölf Jahre Schule setzen. Und als wäre es nicht schon aufregend genug, endlich das eigene Zeugnis erwartungsfroh entgegenzunehmen, sind da ja auch immer noch die erbaulichen Reden, auf die man sich konzentrieren soll.

Frage nach dem guten Leben

Ariadne von Schirach, Festrednerin für die Abiturienten der Privatgymnasien Stendal und Tangermünde, machte es den Protagonisten des Abends jedoch leicht. Die Autorin und Philosophin – 20 Jahre älter als die vor ihr sitzenden Abiturienten – traf in der Katharinenkirche am Sonnabend einen ansprechenden und fesselnden Ton, als sie über die große Frage sprach, die sich manch einer sicher nicht erst mit dem Schulabschlus stellt: die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und präziser: die Frage nach dem guten Leben.

Etwas geben - nicht leisten

Sie erinnerte sich an die Zeit, als sie ihr Abitur machte: „Ich war damals ganz begeistert von einem Text von Aristoteles, er war so was wie mein Berufsberater.“ Nun, dass sie schließlich denselben Beruf wie er ergriff, mag Zufall sein. Aber für von Schirach war und ist es genau die richtige Wahl: „Ich empfinde mein Leben nicht immer als glücklich oder leicht, aber als sinnvoll. Das habe ich von Aristoteles gelernt.“

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Aristoteles also habe für sich die Formel gefunden, dass ein gutes Leben darin bestehe, „dass man dem wahren Wesen seiner Seele nach tätig sein soll“. Ariadne von Schirach folgte dieser Erkenntnis in ihren mehr als Überlegungen denn als Rede vorgetragenen Worten und gab so den Schülern eine ermutigende Anleitung für die Zukunft mit: „Für mich hieß dieser Satz, dass ich eine Seele habe, dass ich etwas kann. Ich habe etwas zu geben, und nicht zu leisten.“ Was nun diese Seele ausmacht, was einen bereichert – das herauszufinden obliege der Klugheit jedes Einzelnen.

Sinn liegt in Entfaltungslust

Bei einem Philosophen der Neuzeit fand sie ebenfalls eine mögliche Leitlinie. So habe Wilhelm Schmid in seinem Buch „Gelassenheit“ formuliert, dass es „Sinn allen Seins sein könnte, alle Möglichkeiten des Seins durchzuspielen“. Das Leben sei also nicht auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet, sondern der Sinn liege in eben dieser Ziellosigkeit, „in der Entfaltungslust“. Sich zu entfalten und zu einer Vielfalt an Möglichkeiten und Seinsformen beizutragen, dazu ermunterte von Schirach die Abiturienten und bekam zum Dank nicht nur einen riesigen Blumenstrauß von Schulleiter Peter Scholz, sondern auch riesigen Applaus vom Publikum.

An das wandten sich schließlich auch drei Schüler der Privatgymnasien: Clara Borm, Louis Schober und Friedrich Hinze dankten ihren Eltern dafür, „dass ihr uns auf diese Schule geschickt habt“ und „uns aufgefangen und getröstet, wenn es mal nicht so gut lief“. Den Lehrern dankten sie vor allem dafür, dass „Sie uns mit Erfahrung und Lebensweisheit den Lernprozess vereinfacht und uns charakterlich geprägt haben“.

Für einen belebend-festlichen Rahmen der Feier sorgten ebenfalls Schüler: aus der Musik- und Kunstschule Stendal mit Gitarren- und Klavierstücken.