Stendal l „Als sich Papa vor Mama so tief verbeugte, dass sein Kopf beinahe mit der Tischplatte kollidierte, nahm das Unheil seinen Lauf. Mama war fasziniert von Papas Erscheinung. Und nachdem beide das Parkett im Bierkeller mit einigen Lipsi-Tänzen zum Beben gebracht hatten, war es um Mama geschehen. Sie verliebte sich in Papa, Papa verliebte sich in Mama – aber an mich war noch nicht zu denken...“

Mit diesem Blick ins Jahr 1961 beginnt Steffen Kottke seine auf 212 Seiten ausgebreiteten Erinnerungen an seine ersten beiden Lebensjahrzehnte, erlebt in seiner Heimatstadt Stendal. Das bleibt sie, auch wenn es den heute 49-Jährigen im Jahr 2010 nach Niedersachsen gezogen hat. Im vergangenen Jahr hat er seinen Lebensmittelpunkt nach Soltau verlegt. Dass er dort in den ersten Wochen keinen Fernseher und damit viel Zeit für anderes hatte, ist auf den ersten Blick nicht so spannend – für das seit Anfang April vorliegende Buch aber von entscheidender Bedeutung. Denn Steffen Kottke nutzte die Zeit für sein Buchprojekt, an dem er schon länger gebastelt hat. „Das Ur-Manuskript gibt es sogar schon seit etwa 15 Jahren“, sagt er im Gespräch mit der Volksstimme.

Ein Jahr Arbeit am Buch

In den Jahren 2001, 2002 hatte er schon einmal die persönliche Vergangenheit Revue passieren lassen, hatte Lebensstationen, Personen, Daten und vieles mehr, was ihm noch eingefallen ist, aufgeschrieben. Dass er im Juni seinen 50. Geburtstag feiert, sei nun ein guter Anlass gewesen, das geplante Buch über seine Kindheit und Jugend in Stendal, Tangermünde und einigen anderen Orten zu schreiben und zu veröffentlichen. Da passte es doch ganz gut, dass nach dem Umzug nach Soltau der Fernseher nicht gelockt und das TV-Programm nicht abgelenkt hat. „Gut ein Jahr habe ich dann am Buch gearbeitet“, blickt Steffen Kottke zurück – und freut sich, jetzt endlich „Früher war alles besser? – Erinnerungen an eine ostdeutsche Jugend“ in den Händen halten zu können.

Auch wenn er nicht mehr so oft nach Stendal kommt – seine Familie wohnt in seiner Nähe in Niedersachsen –, ist die emotionale Verbindung noch sehr eng. So eng, dass eine Rückkehr schon jetzt eine Option ist, vermutlich im Rentenalter.

Auch wenn es sein erstes Belletristik-Buch ist, tragen schon mehrere Veröffentlichungen Steffen Kottkes Handschrift. Denn der 49-Jährige, der nach der Wende mehrere Jahre journalistisch für Tages- und Wochenzeitungen in der Altmark tätig war, hat vor Jahren eine Abhandlung über die Geschichte des Vereins Lok Stendal geschrieben (nur als CD veröffentlicht) und anlässlich 100 Jahre Vereinsschach in Stendal über diesen Sport in der Rolandstadt geschrieben. Ein Sport, der ihn ein Leben lang begleitet hat, der seine große Leidenschaft ist. Kein Wunder also, dass das Spiel der Könige im Buch einen großen Raum einnimmt.

Mit ersten Schachversuchen und seinem Vater als Gegner ging es los, später war er sehr aktiv in der Schachabteilung von Lok Stendal, dem er bis auf einen kurzen Ausflug zum Rivalen TuS Wahrburg immer die Treue hielt. Im Buch erinnert sich Steffen Kottke an Trainingsnachmittage im Raw-Kultursaal, an Turniere und Spartakiaden zum Beispiel in Magdeburg, sogar an ganz konkrete Züge einzelner Partien. „Schach spiele ich nach wie vor“, erzählt der 49-Jährige, der heute noch jedes Wochenende in der Lüneburger Heide in Sachen Sport unterwegs ist – um selbst am Schachbrett zu agieren oder um für die Zeitung darüber zu berichten, ebenso über Fußball und andere Sportarten.

So wie er in seinen Erinnerungen an eine ostdeutsche Jugend den Leser mitnimmt zu seinen ganz persönlichen sportlichen Stationen – die immer auch Stationen der Stendaler Sportgeschichte sind –, so sind die Leser eingeladen zum Beispiel in die Stavenstraße und die Mannsstraße, wo die Familie einst wohnte, in die POS „Wilhelm Pieck“ (heute Nord-Grundschule). Der Autor besucht rückblickend die Diskoabende im „Haus der Jugend“ (am Schützenplatz, steht heute nicht mehr) und im „Waldfrieden“ (heute Restaurant am Kreisel in Röxe).

Der Leser lernt seine besten Freunde Schwarzi, Doktor und Bodo kennen. Mit ihnen teilt er seine Schachleidenschaft und beschreibt es im Buch mit den Worten: „So eng unsere Freundschaft auch war – beim Schach waren wir unerbittliche und gnadenlose Gegner. Damals muss es gewesen sein, als ich meinen Spruch erfand, den ich auch heute noch hin und wieder einem Kontrahenten an den Kopf werfe: ‚Ein Remis gegen dich käme einer schöpferischen Niederlage gleich‘.“

Konsü-Lehrling in Tangermünde

Und dann ist da natürlich seine erste große Liebe Christine. Gemeinsam erleben er und „mein Mädchen“ einen unvergesslichen Sommer 1984 – ohne Happy End, denn mit dem Wegzug Christines nach Weißwasser endet die gemeinsame Zukunft, bevor sie richtig begonnen hat. Die Lehrzeit in der Schokoladenfabrik Konsü Tangermünde, seine Lehrer, Trainer, der Ferienjob in der Zehner-Eisbude im Schadewachten – beim Lesen erkennen viele ihr Stendal wieder. Auch wenn der Autor seine ganz persönliche Geschichte erzählt, bleibt ausreichend Platz, das Stendal zwischen 1961 und 1989 (hier endet die Geschichte) kennenzulernen.

 

Das Taschenbuch (ISBN: 978-3-7431-7566-2) ist erhältlich im Verlag Books on Demand oder bei Amazon.