Stendal l Heute noch zu sagen, die Diakonissen gehören zum Stadtbild, wäre wohl übertrieben. Ihr Leben spielt sich zum Großteil in ihren Wohnungen ab. Dazu täglich der Gang zum Mittagessen ins Krankenhaus, ab und an zur Andacht in den Mutterhaussaal. Der Radius ist kürzer geworden. Aber sie gehören zu Stendal – seit 70 Jahren. Eines Tages wird es sie nicht mehr geben, ihre Gemeinschaft wird kleiner und kleiner – in das eigens für sie angelegte Grabfeld auf dem Stendaler Friedhof werden noch vier Steine gesetzt werden.

Vieles ändert sich. Der Umzug vom Mutterhaus in die Karl-Wernecke-Straße vor rund zwei Jahren hat nicht jeder der Schwestern gefallen. Haben sie doch den Aufbau in den 1960er Jahren miterlebt, es war hier ihr erstes richtiges Zuhause, nachdem sie anfangs in Mehrbettzimmern unterm Kranken­hausdach schliefen.

Und ja, auch die Gesundheit ist nicht mehr so wie noch vor sechs Jahren, als wir uns das erste Mal trafen. Schwester Herta begrüßt mich an der Tür, erinnert sich aber gar nicht mehr daran, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Als 81-Jährige war sie noch redselig und zu Scherzen aufgelegt. Jetzt erinnert sie sich nur wenige Augenblicke nach meiner Antwort nicht daran, zu wem ich denn möchte. Demenz, erfahre ich wenig später von Pfarrer Ulrich Paulsen, der beim Gespräch dabei ist und dem die vier noch lebenden Stendaler Diakonissen größtes Vertrauen schenken.

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Mit 94 noch munter und aufmerksam

Schwester Hildegard ist inzwischen pflegebedürftig, muss regelmäßig zur Dialyse. „Sie kann gar nicht mehr allein das Haus verlassen“, sagt Schwester Elfriede. Sie selbst hingegen, die im Dezember 94 Jahre alt wird, ist munter, aufmerksam und humorvoll wie eh und je, hat allerdings Probleme mit den Augen. „Aber ich kann laufen, kann mich alleine anziehen und waschen und versorgen, dafür bin ich jeden Tag dankbar.“ Und dabei wollte sie gar nicht so alt werden, sagt sie mit wachem Blick, in dem ein fragendes Staunen liegt – das sich in diesem Moment wohl weniger an den Besuch richtet, sondern an etwas, jemanden in der Ferne...

Gottvertrauen und Gläubigkeit, das ist ein Teil des Lebens als Diakonisse. Der, der sich tief in ihnen drinnen abspielt. Aber der auch nach außen sichtbar wird – in Form ihres Dienstes an der Gemeinschaft. Und er umfasst auch die Fürsorge untereinander. „Wir sind wie eine Familie hier“, hatte Schwester Ursel bei unserem ersten Treffen 2010 gesagt. Und daran hat sich nichts geändert. Sie sind füreinander da, treffen sich zum Reden und Diskutieren, sie lachen und streiten miteinander, gehen sich auch mal auf die Nerven, im Großen und Ganzen aber gehören sie zueinander. Sie werden mitein­ander alt – und miteinander einsamer. Einst waren sie Dutzende Schwestern, die hier im Stendaler Krankenhaus ihren Dienst versahen. Jetzt sind sie nur noch zu viert. „So ist das, das geht ja anderen auch nicht anders“, kommentiert Elfriede in ihrer ihr eigenen herzlich-spröden Art.

Tagesrhythmus wie eh und je

Die Vierte im Bunde ist Schwester Ursel, die im Dezember 86. Geburtstag feiert. Sie sagt einfach nur „Gut“ auf die Frage, wie es ihr geht. Und schaut dabei zufrieden aus. „Ich bin froh, dass wir umgezogen sind, drüben wären wir sehr isoliert, hier sind Nachbarn um uns herum. Im Frühjahr gibt es immer ein Hoffest.“ Womit sie ihre Tage verbringt? „Das weiß ich selbst nicht so genau“, sagt sie ein wenig verlegen. Wahrscheinlich weil es einfach die Dinge sind, die sie schon seit Jahren zu tun gewohnt ist. Der Tag beginnt mit einem Gebet, dann gibt es Frühstück, Nachrichten, Zeitung. Ganz normal irgendwie.

Und noch immer bereitet sie im Krankenhaus die Gottesdienste vor, macht den Mutterhaussaal zurecht. In ihrer kleinen Wohnung hat sie noch alles selbst im Griff. Manchmal halten die vier Schwestern, die zusammen in einem Haus wohnen, gemeinsame Andachten. Und Kater Moppel muss gefüttert werden, der ist ihnen vor einigen Jahren zugelaufen.

"Es war eben unser Leben"

Nicht unbedingt das Haus ist es, was sie als ihr Zuhause bezeichnen. Es ist vielmehr ihre stetig gewachsene Verbundenheit. Die Verlässlichkeit. Das Vertrauen. Auch wenn am Anfang alles etwas schwierig war – schließlich waren sie noch Mädchen, gerade mal 15, 16 Jahre, als sie Diakonissen wurden oder als Krankenschwestern anfingen. Aber sie haben sich schnell aufgehoben gefühlt in der großen Gemeinschaft der Schwestern.

Am 1. Oktober 1946 kamen die Diakonissen aus dem niederschlesischen Kraschnitz über Dresden und Halle nach Stendal, nahmen ihre Arbeit im Krankenhaus auf. Dass es ihnen zu Ehren nun am Sonnabend eine Feierstunde gibt, finden sie eigentlich übertrieben. „Es war eben unser Leben“, sagt Schwester Elfriede. Und Schwester Ursel meint: „Wir haben doch nichts anderes getan als unsere Arbeit gemacht. Andere hatten es doch viel schwerer, mussten sich für Brot und Fleisch anstellen, ihre Kinder großkriegen.“

Krankenhaus am Laufen gehalten

Diakonissen verpflichten sich zu einem Leben in Ehelosigkeit – aber auch zu einem im Dienste anderer. „Vor dem, was die Diakonissen hier im Krankenhaus geleistet haben, habe ich großen Respekt“, hält Pfarrer Paulsen der Schwestern-Bescheidenheit entgegen. „Sie haben das Krankenhaus ab 1946 am Laufen gehalten, ob in der Küche, an der Pforte oder im OP – ohne sie wäre das alles nicht gegangen. Und sie haben durch schwierige Jahrzehnte durchgehalten.“

Jahrzehnte, die aber auch Freude bereiteten. An den 11.11. im OP-Saal erinnern sie sich noch. Oder an den Ausflug nach Arneburg an die Elbe, wo die Schwestern dann gut versteckt Turnanzüge anzogen und Völkerball spielten. Oder an die Lesung von Stefan Heym im Mutterhaussaal, der woanders nicht auftreten durfte. Und jeden Sonntag zog der Schwesternchor über die Stationen, sang in den Mehrbettsälen.

Das ist vorbei, nur noch freudvolle Erinnerung. Vieles ändert sich also, vergeht. Aber manches ändert sich nie. „Der Krieg in der Welt, das macht mir Sorge“, sagt Schwester Elfriede. „Die müssen doch mal aufhören mit dem Schießen und den Bomben.“ Schwester Ursel erinnert sich: „Wir hatten Glück, dass wir aus Schlesien noch rausgekommen sind. Damals hieß es, nach diesem Krieg muss die Menschheit doch klug geworden sein. Aber sie ist es nicht.“