Stendal l Seit 2007 habe man sich des Themas Kinderarmut „ganz massiv“ angenommen, aber immer wieder festgestellt, „dass zu wenig getan wird“, stellte Christine Paschke (Die Linke), Vorsitzende des Sozialausschusses, zu Beginn der Sitzung in den Raum.

Als arm gelte in Deutschland, wer weniger als 979 Euro im Monat zur Verfügung habe, zitierte Susanne Borkowski die übliche Definition dieses Begriffes. Borkowski ist Geschäftsführerin des KinderStärken-Vereins und Mitglied des Jugendhilfe-Ausschusses. Sie hatte den Part übernommen, das Thema der Sitzung von der wissenschaftlichen Seite zu beleuchten. Für eine Familie mit zwei Kindern liege die Armutsgrenze bei 2.056 Euro im Monat. Eine andere dieser Definitionen sagt, arm sei, wer weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens hat. Dass darunter vor allem die Kinder leiden, bedurfte keiner weiteren Erklärung.

Jedes 5. Kind betroffen

Susanne Borkowski war dennoch wichtig, hervorzuheben: „Die Armut hat in den letzten Jahren ein spezifisches Kindergesicht bekommen.“ Anders gesagt: Die Kinderarmut, Folge der familiären Einkommensarmut, nimmt zu. In Ostdeutschland sind 22 Prozent der Kinder davon betroffen. Der Landkreis Stendal bildet da keine Ausnahme, im Gegenteil. Laut Christine Paschke sei der Landkreis in Sachen Kinderarmut Schlusslicht oder anders gesagt sei die höchste Kinderarmutsrate zu verzeichnen. Zahlen nannte sie allerdings nicht.

Bilder

Nach Volksstimme-Informationen lebten Ende des Jahres 2015 knapp 5.000 Kinder unter 15 Jahren in der Altmark in sogenannten Hartz-IV-Familien. Jedes fünfte Kind im Landkreis ist von Armut bedroht. Vor allem trifft es Kinder, die in Familien mit „Multiproblemlagen“ leben, so Susanne Borkowski. Besonders betroffen davon sind kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Migranten, Familien, in denen einer oder beide Elternteile arbeitslos sind. Im Landkreis Stendal lag die Arbeitslosenquote im April bei 12,2 Prozent, nach wie vor eine der höchsten Quoten landes- und bundesweit (d. Red.).

Es geht nicht nur ums Einkommen

Allerdings, auch darauf legte Susanne Borkowski wert, gehe es bei der Kinderarmut nicht nur um die Einkommensarmut der Eltern. Neben dem materiellen Bereich leiden die Kinder oft auch unter sozialer Isolation, psychischen und physischen Problemen, mangelnden kulturellen Kompetenzen, weil wegen der familiären Belastungen durch die Armut kulturelle Angebote immer weniger wahrgenommen werden könnten.

Hinzu komme eine fehlende Armutssensibilität. „Es wird gar nicht wahrgenommen, dass Kinder arm sind. Und wenn, dann seien die Eltern schuld, heißt es. Wenn die ihren Hintern hochbringen würden, ginge es auch den Kindern besser“, sei oft gehörte Meinung. Das Gegenteil solch leichtfertigen Abtuns des Problem sei nötig. Susanne Borkowski: „Es braucht Engagement auf allen Ebenen, nicht nur im Sozial- und im Jugendhilfeausschuss.“ Das Thema Kinderarmut müsse ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Netzwerke, die Maßnahmen gegen Kinderarmut oder für deren Milderung koordinieren und wo es sie gibt, bekannter und leichter zugänglich machen.

Ein kommunales Konzept sollte erarbeitet werden, wie man der Kinderarmut vor Ort begegnen kann, eine gemeinsame Strategie entwickelt werden. Letztendlich müsse das in konkreten Beschlüssen des Kreistages und daraus resultierenden Aufträgen an die Kreis- und kommunale Verwaltung münden.

915.000 Euro in einem Jahr

Einer dieser Aufträge an die Verwaltung könnte sein, das Programm Bildung und Teilhabe und dessen Möglichkeiten noch besser „publik zu machen“, so Christine Paschke. Allerdings, das wurde im Situationsbericht von Olaf Lincke vom Sozialamt deutlich, geht schon kaum noch mehr, als bisher getan wurde und wird. In Schulen und Kindereinrichtungen wird dafür geworben. Lehrer und Erzieher seien hier sehr gute und sensible Partner des Landkreises. 3.850 Kinder seien es derzeit, die mindestens ein Angebot aus dem BuT nutzen, bei der Anschaffung von Schulbedarf unterstützt werden, deren Essengeld gezahlt oder Kosten für Schulausflüge übernommen werden. 915.000 Euro habe der Landkreis dafür über dieses Bundesprogramm im vergangenen Jahr zur Verfügung stellen können.

Doch geht es den beiden Kreistagsausschüssen um mehr. Nicht um mehr Geld, sondern um besagtes Engagement auf breiteren Schultern. Der Vorschlag, den die beiden Ausschussvorsitzenden Christine Paschke und Christel Güldenpfenning (CDU) auf die Tagesordnung dieser gemeinsamen Sitzung gesetzt hatten: Ein Antrag an den Kreistag, einen „Runden Tisch zum Thema Kinderarmutsprävention im Landkreis Stendal“ zu gründen. Ihn stellte Paschke dann auch zur Diskussion, die im Sande zu verlaufen drohte, bis sich Susanne Borkowski bereiterklärte, die dafür nötigen ersten Schritte gemeinsam mit den beiden Ausschussvorsitzenden zu gehen.

Die drei Frauen werden sich zusammensetzen, beraten, wer zu so einer Runde an den „Tisch“ gebeten werden sollte, Ideen zusammentragen und schlussendlich zu einem ersten Treffen derer einzuladen, die sich über die Kreistagsausschussebene hinaus für eine Verbesserung der Situation von in Armut lebenden Kindern einsetzen wollen.