Stendal l Der Knöchel schmerzt, ist nach dem Fehltritt und dem Umknicken vor zwei Tagen immer noch dick geschwollen. Also doch zum Arzt. Da es Abend ist, führt der Weg in Stendal zur Notfallambulanz des Johanniter-Krankenhauses. Dort sitzen zahlreiche Patienten. Warten. Die Zeit verstreicht, die Minuten summieren sich zu Stunden. Der dicke Knöchel protestiert, lässt die Muskeln spielen, fordert sofortige Behandlung. Die Krankenschwester schüttelt mit dem Kopf, bedauert und erklärt, dringlichere Fälle beschäftigen den Arzt. „Dumme Kuh!“, schallt es da der Schwester entgegen.

Kein Einzelfall, wie Doris Herrmann berichtet. Die „dumme Kuh“ sei noch harmlos. Bei Verbalattacken gegen das Personal werde kaum ein Tier, keine Körperöffnung als Schimpfwort ausgelassen, merkt die Stationsleiterin der Notfallambulanz an. „Die Aggressivität einiger Patienten hat zugenommen“, so Herrmann.

Der Arzt als Alleskönner

Das bestätigt Dr. Roland Jahn, Chefarzt der Unfallchirurgie und damit verantwortlich für die Notfallambulanz. „Dass hier nicht selten Volltrunkene und unter Drogen Stehende austicken, auch mal was kaputtmachen, damit müssen wir leben, darauf sind wir eingestellt“, macht er deutlich. Zu schaffen würden Ärzten und Pflegekräften aber zunehmend Patienten machen, die ihre „Anspruchshaltung“ durchsetzen wollen: Sie wollen sofort versorgt werden, und sie gehen davon aus, dass ein Arzt alles können muss. Die Situation sei ohnehin wegen des sehr hohen Patientenandrangs schwierig. Unzählige Bagatellfälle, die auch der Hausarzt versorgen könnte, füllen zudem die Wartezimmer.

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Dr. Jahn verweist auf die zunehmende Spezialisierung in der Medizin. „Im Krankenhaus verfügen wir zwar über alle medizinisch-technischen Ressourcen, aber wenn der Facharzt auf der Station beschäftigt oder im OP ist, dann muss der Patient in der Notfallambulanz warten.“

Arzt kann nicht aus OP weggeholt werden

„Kommt jemand wegen Rückenschmerzen zu uns, dann sollte sich das ein Orthopäde anschauen. Doch wenn er operiert, kann ich ihn nicht vom OP-Tisch wegholen“, bekräftigt Herrmann und kommt mit einem anderen Beispiel auf den geschwollenen Knöchel zurück: „Der Patient muss warten, wenn ein Schlaganfall reinkommt. Der geht vor.“ Allerdings fehlt dem ein oder anderen das Verständnis dafür. Stattdessen werden Schwestern und Pfleger beschimpft, bedroht, unter Druck gesetzt.

Nicht nur Wartezeiten lassen Besucher der Notfallambulanz die sprichwörtliche Palme erklimmen. Einer erregt sich, dass er nicht die von ihm geforderten Medikamente erhält, ein anderer, dass ihn ein ausländischer Arzt behandelt. Apropos Ausländer: Dr. Jahn erzählt von Migranten, die sich schwer tun, Anweisungen vom weiblichen Personal entgegenzunehmen. „Sie empfinden dies als Bevormundung durch Frauen.“

Das Personal in der Notfallambulanz kann durchaus verstehen, dass ihre Patienten aufgeregt sind: ein Unfall, plötzliche Schmerzen, die Sorge um Verwandte, mitunter das Gefühl, dass sich niemand so recht für sie zuständig fühlt. „Wir möchten helfen, natürlich. Deshalb haben meine Kollegen und ich den Beruf ergriffen“, versichert Herrmann. Und sie fügt an: „Es müssen aber auch Regeln eingehalten werden. Nicht der, der am lautesten schreit, kommt als erster dran, sondern derjenige, der am schwersten verletzt ist.“

Steigende Aggressivität

Die steigende Aggressivität dokumentiert sich auch in den Polizeieinsätzen in der Notfallambulanz. 22 habe es 2015 gegeben, ein Jahr später hat sich diese Zahl verdoppelt, so Herrmann. Das Krankenhaus hat reagiert: Im Vorjahr erhielt die Anmeldung eine Verglasung, „auch damit die Mitarbeiter nicht mehr ange- spuckt werden können“, so Herrmann.

Spannungen sind nicht allein in der Notfallambulanz greifbar. Auch das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), das in Kooperation mit dem Johanniter-Krankenhaus in seinen zwölf Stendaler Praxen ambulante Leistungen erbringt, kann auf leidvolle Erfahrungen verweisen. Von einem gravierenden Fall berichtet MVZ-Koordinatorin Ina Hanuse: Ein Mann wollte für einen Verwandten ein Rezept und einen Termin für eine Untersuchung. Der Termin war ihm zu spät. Es kam zum Streit und letztlich – schildert Hanuse – habe der Mann die Schwestern aufgefordert, mit nach draußen zu kommen, um ihr „ein paar aufs Maul“ zu geben. Als ein Arzt der Schwester zur Seite sprang, wurde auch er bedroht.

Auch an einer weiteren Auseinandersetzung hatten die Mitarbeiter mächtig zu knabbern. „Eine Schwester war fix und fertig und für einige Tage krankgeschrieben“, sagt Hanuse. Eine Anzeige bei der Polizei folgte auf dem Fuße.

Anzeigen und der Hilferuf an die Polizei sollen aber kein Alltag in Notfallambulanz und MVZ werden. „Auf keinen Fall lassen wir uns auf ein Streitgespräch ein, sodass die Situation eskalieren könnte“, macht Herrmann klar. „Wenn es bedrohlich wird und wir erkennen das, helfen wir einander.“