Stendal l Das Wort „Erfahrung“ dominierte am Dienstagabend im Forum Katharinenkirche. Und Erfahrung ist genau das, was der medizinische Chef des Stendaler Krankenhauses Ulrich Nellessen in seine Kolumnen einbringt, die seit 2009 in der Volksstimme monatlich veröffentlicht werden. Und es ist nicht nur die medizinische Erfahrung, es sind oft auch die philosophischen Schlussfolgerungen, die seinen Kurztexten die Tiefe geben. Ein Teil der Kolumnen wurden jetzt in einem Buch mit dem Titel „Lebensbiopsien“ zusammengefasst. Vor rund 160 Besuchern stellte Professor Ulrich Nellessen sein Buch vor.

Autor ringt bei seinen Fragen um Antworten

In den Kolumnen geht es um die Grenzen der Medizin, die Frage, wann Leben beginnt und wie die Menschen mit der eigenen Endlichkeit umgehen. Aber auch die Frage, ob das Gesundheitswesen nach ökonomischen Gesichtspunkten bewertet werden darf, treiben den ärztlichen Direktor um und er lässt es die Leser wissen.

Der 64-Jährige betont, dass auch er medizinische Fehler begangen hat und dass es Sachen gibt, die sich jenseits des medizinischen Wissens befinden. Er zeigt sich damit als jemand, der um richtige Antworten ringt und nicht vorgibt, die Lösung in jedem Fall zu kennen. Sicherlich ist es das, was die Zuhörer so gebannt an seinen Lippen kleben lässt. Die meiste Zeit ist es in den anderthalb Stunden so leise, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

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Schauspieler Alexander Abamyan trug acht Kolumnen in der richtigen Intonation, leicht bedächtig vor. Bei Themen wie Tod durch Herzinfarkt oder ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer hält man zwangsläufig beim Zuhören den Atem an.

Die sehr verdichteten Texte, die man auch schon beim eigenen Lesen erst einmal sacken lassen muss, werden an diesem Abend wunderbar durch die jeweils eingeschobene Gesprächsrunde mit Professor Nellessen aufgelöst. Moderator Thomas Pusch hakt nach und gibt dem Autoren noch einmal die Chance, die Thesen und Rückschlüsse zu erläutern. Und Nellessen, der in Hamm geboren wurde und seit 21 Jahren in Stendal am Johanniter-Krankenhaus arbeitet, ist gut aufgelegt und schreckt auch nicht davor zurück, schwer verdauliche und hart klingende Aussagen zu treffen. Eine davon lautet „Künstliche Ernährung kann Folter sein“. Es sei am Ende auch eine Frage der richtigen Worte, mit denen man Angehörigen es beibringt, dass ein Verhungern lassen möglicherweise die humanere Form des Sterbens sei. „Strebende wollen nichts mehr esssen und trinken“, sagte Nellessen. Dieser Aspekte sollte in einer Patientverfügung geregelt werden, nicht nur, wann Maschinen abgestellt werden.

Die Angst der Mediziner vor Juristen

Es sei eine unlösbare Frage, wann ein Mediziner mit einer Behandlung aufhören sollte. Mit Erfahrung könne zwar viel richtig eingeschätzt werden, trotzdem bleibe auch für einen Mediziner nicht alles erklärbar oder gar vorhersehbar, sagte Nellessen. „Es ist leichter zum Mond oder zum Mars zu fliegen.“ Allerdings hätten Ärzte immer auch Angst davor, juristisch belangt zu werden. Allein deswegen würden viele allein deshalb mehr tun, als sie eigentlich für richtig halten.

Besonders eindringlich wird es, als Nellessen darüber spricht, wie grausam und gleichzeitig auch gleichgültig Menschen sein können. „Vielleicht ist der Mensch da nicht anders als die Natur selbst“, sagte er. Da scheine eben auch die Sonne, während Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Auch als Arzt müsse man lernen, nicht alles zu dicht an sich herankommen zu lassen. Als er sich junger Arzt um eine sterbende Krebspatienten gekümmert habe, erzählte Nellessen, da habe ein erfahrener Kollege gesagt: „Du kannst dich nicht daneben legen.“ Noch so eine nachdenkliche Aussage.

Das Buch Lebensbiopsien ist für 15 Euro in den meisten Buchläden im Landkreis erhältlich.