Stendal l Drei Stunden mit dem Fahrrad in Stendal unterwegs zu sein, kann schon einige Aha-Erlebnisse bringen. Positive wie negative. Solcherlei erhellende Momente hatten Linke-Stadträtin und Bundestagsabgeordnete Katrin Kunert mit ihren beiden Stendaler Fraktionskollegen Enrico Schild und Jörg-Michael Glewwe sowie Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) am vorigen Donnerstag. Gemeinsam mit Werner Hartig vom ADFC-Landesverband Sachsen-Anhalt hatten sie sich in den Sattel geschwungen, um sich Stendal mal aus kritischer Radfahrerperspektive anzusehen.

Andere Kommunen als Beispiel

Hintergrund der Tour ist das dringend erneuerungsbedürftige Radverkehrskonzept der Hansestadt Stendal. Aus Sicht Hartigs hinkt die Stadt da mächtig hinterher: „Ich habe den Eindruck, dass in Stendal irgendwann die Zeit stehengeblieben ist. Es gibt Kommunen, wie zum Beispiel Salzwedel oder Schönebeck/Elbe, die die neuen und neuesten Möglichkeiten der Radverkehrsplanung sichtbar gut umgesetzt haben.“

Mit wenig Aufwand machbar

Was in anderen Städten längst gang und gäbe ist, muss sich in Stendal offenbar erst noch durchsetzen. So waren denn auch Begriffe wie „geschützte Radspuren“, „Shared space“ oder „aufgeweitete Radaufstellstreifen“ womöglich nicht nur klangliche Nova bei den Teilnehmern. Gleichwohl gestand Klaus Schmotz im Nachgang im Gespräch mit der Volksstimme ein, dass es „einige Dinge gibt, die mit wenig Aufwand korrigierbar sind“. Dazu gehören beispielsweise das unnötigerweise den Radverkehrsfluss behindernde Geländer zwischen NP-Markt und Winckelmann-Gymnasium oder auch das Aufbringen von Aufstellstreifen für Radfahrer, zum Beispiel an der Ampel Frommhagen-/Grabenstraße. Auch für Radachsen, die den Radverkehr flüssig und unkompliziert in die Stadt führen, ist er aufgeschlossen.

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Die Fahrt mit dem ADFC fand er auf jeden Fall hilfreich, weil Hartig die Dinge sowohl aus „verkehrsrechtlicher als auch aus praktikabler Sicht“ betrachte. Der Oberbürgermeister versichert, das Gesehene in das neue Radverkehrskonzept ab 2018 einfließen zu lassen. „Das schüttelt man aber nicht aus dem Ärmel, es wird jetzt keinen Schnellschuss geben.“ Was es aber geben soll („möglichst noch im August“) ist eine nochmalige Befahrung seinerseits auf derselben Route – dann gemeinsam mit Mitarbeitern aus Planungs- und Tiefbauamt, um die Problemstellen anschaulich vor Augen zu führen.

Viele uneindeutige Situationen

Die Tour mit ADFC-Experte Werner Hartig streifte während drei Stunden viele neu­ralgische Punkte – im Zentrum genau wie an der altstädtischen Peripherie, an baulich älterem Bestand ebenso wie an jüngst sanierten Straßenabschnitten. Verbesserungspotenzial gibt es demnach einiges.

Für Kunert stand am Ende vor allem die Erkenntnis, „dass es unterschiedliche Zuständigkeiten gibt und viele uneindeutige Situationen“. Ihr selbst entschlüpfte auf der Tour mehr als einmal ein erstauntes „Ach so? Das darf man gar nicht?“. Das Eingeständnis, selbst nicht vor Regelverstößen und Falschfahren gefeit zu sein, kam bei ihr wie auch Oberbürgermeister Klaus Schmotz reumütig zur Sprache.

ADFC-Expertise als Grundlage für Planer

Für den ADFC-Experten Hartig eine gute Vorlage: „Impulse für das unerlaubte Befahren von Gehwegen, noch dazu linksseitig, sind vor allem Kopfsteinpflaster, Radwege in schlechtem Zustand und fehlende Querungsmöglichkeiten. Aber eine Rolle spielt natürlich auch Bequemlichkeit und fehlendes Unrechtsbewusstsein.“

Eine „unglaublich gute Expertise, die eine Grundlage für das Stendaler Radwegekonzept wäre“, bescheinigt Kunert dem ADFC und sieht in dem bundesweit aufgestellten Fahrrad-Club einen wichtigen Gesprächspartner in Sachen Radverkehr. „Viele Dinge sind ja gar nicht aufwendig. Es muss einfach Routine sein, wenn Straßen saniert werden, auch zu fragen: Habt ihr an den Radverkehr gedacht?“ Bürgerbeteiligung sieht sie dabei als ganz wesentliches Element, und zwar „ab sofort“.

Erkenntnisse praktisch umsetzen

Über die offensichtliche Bewusstseinsschärfung bei den Stadträten und beim Oberbürgermeister noch während der Fahrt ist Werner Hartig ehrlich erfreut. Nun wünscht er sich, dass die Erkenntnisse vor allem in den Stadtentwicklungsausschuss getragen werden und mit ernster Beharrlichkeit praktisch umgesetzt werden. „Meine Hoffnung wäre vor allem, dass Herr Schmotz sich mit den Planern beratschlagt, welche Schritte konkret in welchem Zeitplan umzusetzen wären. Auch die jüngsten Ergebnisse des Fahrradklima-Tests sollten da mit einfließen.“ Da war Stendal 2016 erstmals dabei und bekam von den Radfahrern eine unrühmliche Durchschnittsnote 4.