Stendal l Mit drei Jahren Verspätung ist am Montag das Tastmodell am Winckelmannplatz eingeweiht worden. Im Maßstab 1:800 können nun vor allem Blinde und Sehbehinderte, aber auch alle anderen Besucher und Einheimische die Stadt erkunden. Es ist ein Geschenk der Rotarier an die Stadt, rund 30 000 Euro hat es gekostet, viel Zeit und wohl auch so manchen Nerv.

Zum 20-jährigen Bestehen geplant

„Was lange währt, wird endlich gut“, sagte denn auch eine erleichterte Rotarier-Präsidentin Edelgard Czechowski. Wohl kaum ein Motto würde besser zur gelungenen Umsetzung des bislang größten Projekts des Stendaler Rotary-Clubs passen. Geboren wurde die Idee 2012. Dann zog es sich über Jahre hin, „zwischenzeitlich gab es sogar Überlegungen, das Projekt abzubrechen“, räumte Czechowski ein.

Erstmals hatte der damalige Präsident des Rotary-Clubs, Kay Timm, das Modell für 2014 angekündigt. Das wäre zum 20-jährigen Bestehen des Stendaler Clubs gewesen. Schon bald war dann von 2015 die Rede. Doch auch dieser Termin konnte nicht gehalten werden. Im Mai 2015 hatte der beauftragte Bildhauer Egbert Broerken in der Volksstimme angekündigt, dass das Modell noch im laufenden Jahr fertig werde. Im Club wurde über persönliche Gründe des Künstlers gemunkelt, die die Verzögerung verursacht hätten. Dies bestritt Broerken allerdings.

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Nacharbeiten in letzter Minute

Im Dezember 2015 gab er technische Probleme als Grund für eine weitere Verzögerung an, stellte aber in Aussicht, dass das Modell im Frühjahr 2016 auf dem Winckelmannplatz stehen werde. „Das haben wir so in einem neuen Vertrag fixiert“, sagte dazu der mittlerweile Club-Präsident gewordene Karl-Friedrich Reckling. Im März stand das Modell noch immer nicht, aber es traf sich eine Arbeitsgruppe des Rotary-Clubs um Reckling mit dem Bildhauer Broerken. Dabei wurde festgelegt, dass das Modell im November dieses Jahres stehen soll. Und es sah ganz danach aus, dass der Zeitplan diesmal gehalten werden könnte.

Ende August 2016 gab es ein erneutes Treffen mit dem Künstler, der sein Modell mitgebracht hatte. Doch schnell wurde der Ruf nach Nachbesserungen laut. Die Wallanlagen sollten dargestellt, die Proportionen einzelner Gebäude verbessert werden. Nun sollte Genauigkeit wichtiger sein als Schnelligkeit, waren sich die Rotarier um Präsidentin Czechowski, die dritte Spitze seit Projektbeginn, einig.

140 Modelle in Europa

Montag war allerdings nicht der Tag zum Nachkarten, die Freude überwog. Und ein Publikumsmagnet war das Tastmodell schon am ersten Tag und bei weitem nicht nur Rotarier gehörten zu den Neugierigen. Einer der ersten Sehbehinderten, der sich die Altstadt ertastete, war Günter Böhm. „Ich habe so ein Modell schon in Goslar erlebt, dort ist es allerdings kleiner als hier in Stendal“, erzählte er. Bis zur Wende hat er in Stendal gewohnt, ist jetzt in Walsleben zu Hause, besucht allerdings regelmäßig die Tochter in der Hansestadt. „Das Modell ist wirklich gut gemacht“, lobte er. Man müsse sich zwar zuerst orientieren, könne dann die Stadt aber gut entdecken.

„Mir kam die Idee vor 30 Jahren, als die Klasse einer Blindenschule durch unsere Stadt geführt wurde“, erzählte der Soester Broerken. Die Lehrerin habe den Kindern erklärt, dass der Dom 76 Meter hoch sei. Doch wie sollten die sich das vorstellen können? So entstand das erste Modell, mittlerweile sind es 140 in verschiedenen Ländern Europas.