Stendal l Punkt 18 Uhr, Probebühne 2. Nicht mehr viel Zeit bis zur Premiere von „Terror“. Die Schauspieler stecken in Probenkostümen, das dicke Textbuch haben alle dabei. Regisseurin Susanne Schulz hat viel vor. Die Traumszene ist heute dran. „Wir wollen körperlich zeigen, wie sich die Figuren wirklich fühlen“, ermuntert sie ihre Schauspieler.

In „Terror“ ist die Bühne ein Gerichtssaal. Dieser ist auf der Probebühne provisorisch mit einfachen Tischen und Stühlen nachgebaut. Die Aufführungen werden im Amtsgericht Stendal sein, realistische Atmosphäre inklusive.

Im Stück wird der fiktive Fall eines Kampfjet-Piloten erzählt, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschoss. Seine Tat verhinderte, dass die Entführer das Flugzeug in einem vollbesetzten Stadion abstürzen lassen konnten. Der Angeklagte opferte 164 Leben, um 70 000 zu retten.

Autor Ferdinand von Schirach lässt ausschließlich im Gericht agieren. Das Stück ist eine Gerichtsverhandlung, die die Frage stellt: Täter oder Held? Viel Text, viel Kopfarbeit. Besagte Traumszene steht nicht im Textbuch. Sie soll auflockern, einen anderen Blick auf die Figuren eröffnen. „Konzentriert euch auf eure Bewegungen!“, ruft Susanne Schulz den Akteuren zu, als die aufeinander zugehen und verlangsamt, wie in Trance Roben und Jacken austauschen und in eine jeweils andere Figur eintreten.

Der schneidige Anwalt (Andreas Müller) steht vor der Staatsanwältin (Angelika Hof-stetter). „Haltet den Blick! Zwei Menschen ziehen Energie voneinander!“, ruft die Regisseurin von ihrem Platz an der Seite. Ihrer aufmerksamen Beobachtung entgeht nichts. Gleichzeitig zeigen alle sechs Schauspieler die Gefühle der Figuren, auf ihr Spiel konzentriert und miteinander agierend. Kein Wort fällt.

Nuancen für Wirkung bedeutsam

Die Seelenlage der Staatsanwältin, eingezwängt von Gesetzestexten, zeigt Andreas Müller, der ihre Robe übergestreift hat. Angelika Hofstetter ist inzwischen am Tisch des Angeklagten, spielt seine (innerlichen) Regungen, verzweifelt weinend, auf der Uniformmütze herumtrampelnd. „Klasse, diese Innerlichkeit!“, kommt das Lob von der Regisseurin. Der Angeklagte (Fabian Feder) hat sich die Robe des Richters angezogen, sitzt souverän auf erhöhtem Platz. Den Schmerz der Angehörigen zeigt Michael Putschli, verzweifelt zusammenbrechend, während er vom (innerlichen) Anwalt (Babara Fressner) getröstet wird. Ein Blick in Seelenwelten, die die eigentliche Gerichtsverhandlung äußerlich nicht abbilden kann. Den Zuschauer muss diese Szene berühren, verstärkt durch die ins Innerste zielende Musik – Bachs „Erbarme dich, mein Gott“. Der „Traum“ mündet in die Rückkehr in die ursprünglichen Rollen. „Jeder verharrt in seiner Figur!“, so die Regieanweisung, sich Zeit zu nehmen.

Wie kommt man leicht-fließend aus der Robe? Wie setzt man die Brille richtig ab? Bis ins Kleinste wird jede Bewegung diskutiert, wieder und wieder probiert. Nuancen sind für die Wirkung bedeutsam. „Ihr bekommt Druckknöpfe an die Roben“, so Ausstatterin Sofia Mazzoni, die für die Kostüme sorgt und nun in der Probe sieht, welche praktischen Anforderungen die Kleidung haben muss. „Auch die Ärmel machen wir unten breiter!“ „Schau der Brille nicht nach, leg sie einfach ab, halte den Blick mit deinem Gegenüber“, so der Tipp für die Brillenbewegung. Viermal hintereinander probt das Ensemble ein und dieselbe Szene, mal mit Musik, mal ohne. „Langsam, fließend“, „Du bist immer noch zu schnell!“, „Auf die Abläufe konzentrieren!“ Zuletzt filmt die Regisseurin die Szene. Noch ist sie nicht zufrieden.

Zweimal am Tag, vormittags von 10 bis 14 Uhr und abends von 18 bis 22 Uhr sind die Proben angesetzt. Immer wieder steht auch „Putzarbeit“ am Text an. Welcher Satz kann raus, wo können „Striche“ (Streichungen) vorgenommen werden? Was kann einfacher gesagt werden? Beim „Putzen“ am Vortag flog so mancher Satz raus . An diesem Abend proben die Schauspieler auch die erste Szene des Stücks mit verändertem Text. Devise: Konzentrieren! Der bereits im Kopf gespeicherte Text hat Striche!

Charaktere ausformen

Frank Siebers in der Rolle des Richters hat die ersten Worte an die Zuschauer, die als „Schöffen“ am Ende entscheiden sollen. „Urteilen Sie ruhig und gelassen!“, spricht der Schauspieler. „Mach dich bedeutender!“, fordert ihn die Regisseurin auf. Das ist Arbeit mit den Schauspielern an ihren Rollen, das Ausformen der Charaktere mittels Sprache und Körper. „Genieße dein Plädoyer. Du bist hier der Platzhirsch! Schmier sie ein“, lautet der Zuruf an Andreas Müller während seiner ersten Textpassage.

Je näher die Premiere rückt, um so intensiver wird die Arbeit am Stück. Am Ende des Ringens steht das Kunstwerk, die Theaterinszenierung. Mit „Terror“ entsteht ein spannungsgeladenes Werk mit höchster Konzentration auf Text, auf jede Nuance und Regung und das bei nachempfundener Nüchternheit einer Gerichtsverhandlung. Bei der ersten Aufführung am 10. Dezember muss alles auf dem Punkt sitzen.